Junge, Junge Xavier! – Xavier Naidoo meldet sich mit neuem Album „Bei meiner Seele“ zurück

Cover Xavier Naidoo - BMS - 700x700_72dpi_RGB_WebSeit über 15 Jahren ist er nun regelmäßig in den oberen Platzierungen der Charts vertreten, er ist der deutsche Soul-Sänger. Xavier Naidoo, der es mit seinen meist christlichen Texten und warmer Stimme, ab und an auch etwas rappiger, aber vor allem mit eingängigen Melodien immer wieder schafft, viele Menschen zu begeistern. Besonderes „Dieser Weg“, „Sie sieht mich nicht“ oder auch zusammen mit seinem Projekt Söhne Mannheims „Und wenn ein Lied“ landete er immer wieder Top-Hits und Nummer 1-Alben.

Seit 2011 auch als Juror bei The Voice Of Germany dabei und somit im Unterhaltungsmedium TV vertreten, ist er aus der Musikwelt nicht mehr wegzudenken. Er ist ein Stehaufmännchen, die Raupe Nimmersatt der deutschen Musikszene und kann auch im Jahr 2013 nicht stillhalten und lässt gleich mit zwei Alben von sich hören.

Als „Der Xer“ brachte er Anfang März ein Dubstep-Album auf den Markt, auf dem es gewohnte Xavier Naidoo-Texte und Musik gemixt mit Dubstep-Drops und basslastigen Beats auf die Ohren gab. Ende Mai kommt nun der nächste musikalische Clou aus dem Hause Xavier Naidoo.

Was gibt es über das Album zu sagen? Voller Erwartung fängt man also an zu hören, schließt eventuell die Augen und lässt sich auf die Musik ein. Texte und Melodien kommen einem bekannt vor, sie sind nach wie vor eingängig und finden in ihrer Lyrik ihre Höhepunkte. Warum es gleich zwei Alben hintereinander sein mussten, bleibt fraglich. Es wäre vielleicht besser gewesen, hätte er sich für „Bei meiner Seele“ etwas mehr Zeit gelassen, denn so hätten Songs wie „Junge“ den Weg nicht auf die Platte gefunden.

Und damit wären wir auch schon beim Hauptkritikpunkt angelangt. „Junge“. Ein Titel, der einem vage bekannt vorkommt. Vor einigen Jahren hat nämlich eine bekannte Band, deren Name an Götter in Weiß erinnert, einen Song auf den Markt gebracht, der genau den gleichen Titel trägt. Der Text legte eine Kritik an der heutigen Jugend vor, die ihresgleichen sucht. Beinahe ein wenig besserwisserisch, über viele Dinge erhaben, mit erhobenem Zeigefinger mahnend, aber in der Endsumme keineswegs ernst zu nehmen. Ja, die Ärzte haben sich damit quasi selbst sarkastisch beschrieben. Das, was Xavier Naidoo nun als Cover von „Junge“ auf sein Album gebracht hat, darf er nicht ernst meinen. Falls er es dennoch tut, setzt hier der gesunde Menschenverstand schlichtweg aus. Wenn es sein eigenes Lied gewesen wäre, könnte man es noch für interessant durchgehen lassen. Doch hier bekommt es einen wehleidigen, mitleidigen und rechthaberischen Charakter, der die Kernaussage vollkommen zerstört. Ursprünglich als Parodie auf ihre eigene Jugend zu verstehen, scheint sich Xavier Naidoo mit diesem Song als Gutmensch über alles zu stellen und mitleidig-traurig mit der Moralkeule dazustehen und zu sagen: „Junge, du hast dir dein Leben komplett zerstört.“ Man möchte hingehen, ihm das Mikrophon entreißen und laut „Stopp!“ brüllen. Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, ob dem Sänger an dieser Stelle nichts mehr eingefallen ist oder ob es wirklich genau dieser Titel sein musste, den er gecovert hat. Andere Songs hätten sich in einem seiner typischen Arrangements besser wiedergefunden und wären sicherlich nicht lächerlich geworden. Denn eigentlich kann er es ja, der Xavier. Mit dem Cover von „Junge“ hat er sich selbst keinen Gefallen getan.

„Autonarr“ fängt mit Reggae-Beats an und macht Hoffnungen auf einen wirklich guten Song. Xavier Naidoo hat in dieses Album sehr viel Persönliches gelegt, zeigt sehr viel von sich selbst, besonders auch in diesem Song. Doch schon nach wenigen Takten ist man geneigt, auch bei diesem Track einfach weiter zu schalten und auf etwas Besseres zu hoffen.

Wenn ein solches Lied, das davon handelt, warum der Erzähler so gerne Auto fährt und im Auto seinen Gedanken nachhängen kann, von einem anderen Sänger als Xavier Naidoo geschrieben worden wäre, würde dieser jemand seine Karriere an den Nagel hängen können. Hier stellt sich die Frage, wo Naidoo texten gelernt hat oder ob es ihm einfach egal war, was auf „Bei meiner Seele“ gemixt wird. Mit „Autonarr“ handelt es sich um einen Text ohne Substanz und Tiefe, was ihm eigentlich gar nicht ähnlich sieht – obwohl der Albumtitel schon sehr viel verspricht und nicht gerade nach einem Understatement klingt.

Der Titelsong klingt nach Jazz-Medleys, tanzbaren Aufs und Abs, orchestrale Passagen peppen den Song auf, ein Du wird schnell gefunden, welches mit liebevollen und bekannt herzlichen Texten Naidoos angesprochen wird.

„Hört, hört“ hält einmal mehr Texte bereit, welche man Xavier Naidoo gleich wieder um die Ohren hauen möchte. „Meine Stimme hat manche betört, meine Texte haben viele verstört; ich hielt  den Stift, doch lag es auch in meiner Hand. Meine Lieder haben viele gehört, wahrscheinlich hab‘ ich aber viele verstört. Ich schrieb aus vollem Herzen Sätze mit dem Verstand.“ Dass hier die Vergangenheitsform benutzt wird, ist wohl intuitiv schon sehr richtig gewesen. Dies kann man leider nicht über die Gegenwart sagen, in der solche Songs den Weg an die Öffentlichkeit finden werden.

Nur, weil man einen (unterhaltuns-)medialen Aufschwung in seiner eigenen Karriere erlebt, heißt das nicht per se, dass man sich alles erlauben darf. Xavier Naidoo hat das wohl anders gesehen und die Welt mit „Bei meiner Seele“ um ein weiteres unnötiges Album reicher gemacht.

„Stell dir vor, es ist Kunst“ singt er in „Das Aufgebot“. Ja, auch die Hörer des Albums sollten sich besser mit sehr viel Fantasie vorstellen, dass das, was sie auf dieser Platte hören, Kunst ist. Denn es gleicht einem Abklatsch alter Melodien und aufgewärmter Texte. Stimmlich ist es ein Xavier Naidoo, den man gewöhnt ist, den man kennt. Doch leider gleicht die Musik des Albums eher einem halbherzigen Versuch, an alte Erfolge anzuknüpfen. Es ist wie ein Einkaufszettel, den man zwischen Tür und Angel geschrieben hat, um für das Wochenende noch etwas Anderes außer Senf und Marmelade im Kühlschrank zu haben. Mit Butter, Käse und einer Gurke kommt man dann wieder.

Ironisch wird es in seinen Texten leider auch. „Alles nur Phrasen für dich, die Wahrheit gehört auf den Tisch“. So singt er in „Phrasen für Dich“. Ironisch ist er jedoch nicht gemeint, der Text. Er wirkt nur ironisch, je länger man sich das Album anhört, denn genauso wirken seine Texte gepaart mit den Melodien hier: Wie Phrasen, die zusammen mit der Melodie einfach vor sich hinplätschern und keinerlei Aussagekraft besitzen. Die Wahrheit, die hier auf den Tisch kommt, ist leider sehr unschön. Denn sie ist kritisch und ja, auch harsch. Xavier Naidoo, der so viel Potenzial hat, verschenkt eben dieses hier sehr leichtfertig und hat ein Album „gebastelt“, welches von einem Anfänger hätte gesungen sein können. Oder von jemandem, der aufgehört hat, sein eigenes Ding zu machen, um lediglich Geld zu verdienen, indem eine Platte nach der nächsten produziert wird.

Bei den Zeilen „Geist ist geil, denn er macht deine Seele heil“ bekommt Fremdschämen direkt neue Dimensionen. Werbephrasen bekannter deutscher Konzerne gepaart mit Intellektualität und Glauben? Ist es das, was der deutschen Musik zwischen Bushido, Haftbefehl, den Toten Hosen und Lena Meyer-Landrut noch gefehlt hat? Man wünscht sich seit einiger Zeit ein wenig mehr Pep, ein wenig mehr Abwechslung in den schnöden Charts-Alltag. Und was bekommt man? Ein Album, welches gut hätte werden können, das aber durch und durch enttäuscht. Melodien, die auf-und abwärts verlaufen, ein wenig Reggae, ein ganz klein wenig Sprechgesang. Ein Fehlschlag auf ganzer Linie, könnte man meinen, wenn man es noch freundlich und möglichst objektiv versucht, zu formulieren.

Mit Enttäuschung und auch irgendwie wütend macht man die Augen nach dem Hören wieder auf, beinahe fassungslos darüber, dass der Musiker, der die deutsche Soul-Szene beinahe revolutioniert hat, ein Album kreiert hat, welches so ernüchternd ist. Man könnte meinen, Herr Naidoo hätte sich keinerlei Gedanken um diese Komposition der Titel gemacht, die es auf „Bei meiner Seele“ zu hören gibt. Auffällig oft hat er es bei Teilnehmern von The Voice Of Germany betont und erwartet: Die leisen Töne. Er wollte leise Töne hören und legte Wert auf Sensibilität in der Musik. Er selbst scheint sich diese Worte nicht allzu sehr zu Herzen genommen zu haben, tönen die Songs schnöde und in einer oft stetigen Lautstärke dahin. Er würde wohl als sein eigener Kandidat durchfallen. Zumindest bei The Voice Of Germany. Und somit bleibt „Junge“ wohl noch der beste Song auf dem Album. Weil der Text der beste ist.

Die anderen Songs wie „Der letzte Blick“ oder „Das Aufgebot“ klingen soulig, poppig und wie immer, nur, dass das Zauberhafte, das Xavier Naidoo bisher immer geschafft hat, in seine Musik zu legen, hier vollständig zu fehlen scheint. Stimmlich zwar grandios in das Genre des Souls passend, hat man das Gefühl, dass es ihm ein wenig schwer fällt, sich in seiner Musik wirklich zu entfalten, obwohl dieses Album ja doch etwas sehr Persönliches darstellen sollte. Gerade hier wäre die Möglichkeit gewesen, zu zeigen, was es einem vor allem musikalisch bedeutet, ein solches Werk zu kreieren.

„So schön wie früher wird’s nie mehr“. Er singt es selbst in „So schön wie früher“ und man möchte beinahe mit einem zynischen „Stimmt, früher war’s auch bei dir besser“ reagieren.

Leere Worte gepaart mit leerer Musik, die man meint, schon zig Mal gehört zu haben. Es lässt sich keine Weiterentwicklung erkennen, welche man bei einem Künstler diesen Ranges eigentlich erwarten würde. So geht es weiter, bis nach 12 Songs nochmals eine Version von „Bei meiner Seele“ erklingt, die ein wenig sanfter wirkt, ein wenig instrumentaler, beinahe orchestraler, theatralischer, pathetischer. Ein würdiger Abschluss? Wohl kaum.

Die erwähnte Wahrheit, die hier auf den Tisch gemusst hätte, wäre besser von einem seiner Produzenten gekommen, die Herrn Naidoo ehrlich gesagt hätten „Xavier, denk nochmal ein wenig drüber nach und warte noch ein bisschen, bis du das Album veröffentlichst. Wir können da noch ein wenig dran arbeiten.“ Leider wurde diese Chance versäumt und nun liegt „Bei meiner Seele“ also bald in den Plattenläden. Gekauft werden kann das Album ab dem 31. Mai bei iTunes und Amazon oder im Plattenladen eures Vertrauens.(A.E.)

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