Politpunk trägt jetzt Cappy und spielt Reggae – Das neue Album „Alles für Alle bis Alles alle ist“ von den Ohrbooten

ohrbooten coverMünchen, 17.05.13.    Eine alte, weiß-graue Hauswand, auf der mit schwarzer Farbe ein Mädchen abgebildet ist, das in dicken, schwarzen und roten Lettern „Ohrbooten Alles für Alle bis Alles alle ist“ auf die Wand sprüht. Dieses Bild ist auf dem Albumcover zu sehen, was gleichermaßen einen Aufschluss über die Musik und die Texte der dreiköpfigen Band aus Berlin gibt und einen Vorgriff der Konzeption dieses Albums wagt.

In diesem Zusammenhang kann der Titel als Leitthema des Albums und auch als eine Art Mantra angesehen werden, was unsere ausufernde Konsumkultur in Kürze umschreibt und auf zynische und  ironische Weise kritisiert. Somit wagt die Band gleich auf den ersten Blick ein politisches Understatement, welches auch in ihrer Musik und vor allem in ihren Texten sein Pendant findet. Wie schon von der Band bereits angekündigt, sollen wieder mehrere Musikstile in diesem Album auftauchen, ähnlich zu ihren vorangegangenen Alben, in denen sie ihren selbst ernannten Stil Gyp-Hop als Konglomerat aus mehreren Musikrichtungen ansehen. In diesem Falle würde die Palette von Reggae über harte Rockklänge bis hin zu Dubstep reichen, welche mit Rap-Einlagen angereichert werden. Dies sind sehr gegensätzliche Musikrichtungen, die aber in den Händen von den Ohrbooten zu einem guten Klangmix zusammengestellt werden.

Der erste Titel „Urwald“ deckt schon zwei wesentliche musikalische Stile ab. Reggae wird mit rockigen, sphärischen Gitarrenklängen vermischt. Hier steht das Motto „Die Evolution fängt wieder zu träumen an“ im Vordergrund, welches im Refrain in eine lockere Melodie verpackt wird, in die man sich schnell einfindet und nach einmaligem Hören schon mitsingen kann. In diesem Song holt sich die Natur nach und nach ihren Lebensraum zurück und die Stadtmetropole wird vom Häuserdschungel zum Bäumedschungel. Hierbei findet die Band so plastische Beschreibungen, dass man denkt, der Boden unter einem fängt gerade an, Pflanzen wachsen zu lassen.

Mit dem zweiten Titel „Models“ trifft Berliner Schnauze auf Klänge, die einen sofort an Seeed erinnern. Bei diesem Song wird auf zynisch-ironisierende Weise gegen den Beauty-und Mode-Wahn unserer Generation gewettert. Magermodels sollen mit Massen an Pizza, Döner, Milchshakes und „Badewannen voll Öl“ wieder aufgeputscht werden. Hier schaffen es die Ohrbooten wieder, eingängige Reggaebeats mit Rap im Berliner Slang zu mischen.

Der Titelsong „Alles für Alle“ ist die dritte und erste rein elektronische Nummer des Albums. Hierbei tauchen zum ersten Mal Technobeats auf, die mit Dubstepelementen vermischt werden. Dieses Stück stellt die schnellste Nummer im gesamten Album dar und beschreibt, wie man als moderner Robin Hood in unserer heutigen Gesellschaft seinen Alltag bestreitet. Dabei kann die Nummer auch als wütende Reaktion auf die finanzielle Krise angesehen werden, mit der jeder Einzelne zu kämpfen hat. Die Verwendung von Dubstep-Drops und harten Technobeats unterstreicht sehr gut die aufgebrachte Stimmung, die uns von Sänger Ben Pavlidis mit dem Refrain entgegen gerufen werden. „36 Grad“ ist ein kurzweiliger Song, der sehr schön mit warmen Reggaebeats einen heißen Sommertag in Berlin beschreibt. Sommer, Sonne und „gude Laune“ sind das Credo, das von den Ohrbooten vermittelt wird.

Die fünfte Nummer „Punk is Dad“ ist eine starke und fetzige Elektro-Rock-Komposition. Hierbei wird unsere profillose Konsumkultur angeprangert, die in Form von Hipsters und Bubble Tea in dem Song beschrieben wird. Dabei sehnt sich der Sänger nach „Punks, Freaks und Assis“, die wieder klare politische Aktionen machen und Hausbesetzung als normaler Wohnstandard gilt. Leider muss er feststellen, dass der damalige Punk heute auch angepasst und vernünftig geworden ist. Mit dem Spruch „Punk is Dad“, was man auch als „Punk is dead“ hören kann, verdeutlichen uns die Ohrbooten, dass der Punk längst zu Grabe getragen wurde und man sich nur noch durch Konsum anstatt politischen Haltungen definiert. Die Ohrbooten schaffen es wunderbar, mit diesem Song die kulturellen Missstände unserer Gesellschaft in einer elektrischen Rock ‘n’ Polka-Version aufzuzeigen.

„Blau“ ist die erste schwächere Kreation der Band, die wieder Reggae als musikalischen Rahmen hat. Der Song plätschert eher vor sich hin und zeigt keine große musikalische oder textliche bzw. inhaltliche Abwechslung, sondern läuft eher linear daher. Der siebte Track des Albums mit dem Titel „Wackelkontakt“ ist die bisher musikalisch interessanteste Nummer und hat starken Ohrwurmcharakter. Die Band schafft eine sich wiederholende Rhythmuspartie, die den Wackelkontakt des beschriebenen Roboters auf der Tanzfläche symbolisieren soll. Dabei überträgt sich dieser rhythmische Wackelkontakt auch auf den Hörer, sodass dieser in diesem ganz besonderen Takt mittanzen und mitwippen muss.

„Zwei Joints“ stellt die erste klare Mischung aus Reggae und Rock dar, die sich zu einem hybriden Klang vereint. Der Text hat zwar keinen inhaltlichen Tiefgang wie bei den vorangegangenen Songs  „Alles für Alle“ oder „Punk is Dad“, aber bietet auch hier wieder einen eingängigen Sound, wo man als Hörer mitschaukeln kann. Der Titel „Dreckiger Job“ beschreibt mehrere Berufsfelder, die für den einen oder anderen als lästige Tätigkeit eingestuft werden, aber dennoch „muss ihn einer machen“. Hierbei werden Reggae-Bassbeats mit Rockklängen (im Refrain) gepaart. „Krise“ sind wohltuende, entspannte Reggaeklänge mit lockerem Gesang, hier wieder mit Berliner Slang gepaart. Hierbei steht der Text auf den ersten Blick bzw. das erste Hören im Kontrast zum Sound, den die Band gewählt hat. Bei genauerem Hinhören wird zunächst die finanzielle Krise der Menschen beschrieben, wodurch ein Umdenken der Menschen gefordert ist, welches letztendlich in ein spirituelles, soziales Auf resultiert, da durch die Krise ein Gemeinschaftsgefühl gestiftet wird und letztendlich doch „allet nice, allet easy“ ist. Ein wohltuender Song, der einem die Botschaft vermittelt: „Ey, selbst wenn du mal kein Geld hast – so schlimm ist es nicht und du bist nicht allein.“

Mit „Bestie Bass“ haben die Ohrbooten eine Art Hymne auf den Bassklang geschrieben und mischen hierbei gekonnt schwere Dubstep-Bassbeats mit poppigen Klängen zum Mittanzen.

Der vorletzte Song „Schon OK“ des Albums ist der ruhigste Song und schafft entspannte Klänge mit einer bunten Mischung aus einer Vielzahl von Instrumenten, die sich zu einem wohltuenden Klangteppich zusammenfügen. Der letzte Song „Es geht immer“ ist eine reiner Reggae-Song mit kleineren Elektroklängen. Dabei haben die Ohrbooten einen weitere Kreation, die auch einen starken Ohrwurmcharakter hat.

Zum Abschluss kann man sagen, dass die Ohrbooten mit ihrem Album „Alles für Alle bis Alles Alle ist“ ein insgesamt starkes Album geschaffen mit politischen Texten geschaffen haben. Auch die Mischung aus Reggae, Rock, Elektro und Dubstep geht an vielen Stellen im Album auf und hat viele tanzbare und mitreißende Nummern. Wer also gute Laune Musik mit einigen nachdenklich machenden Texten in Berlinerisch und auch etwas härteren Bassbeats haben will, sollte sich das neue Album der Ohrbooten auf keinen Fall entgehen lassen.

Zu kaufen gibt es das Album ab dem 24. Mai bei allen bekannten Anbietern oder im Plattenladen eures Vertrauens.(M.H.)

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