Placebo – Neues Video zu „Life’s What You Make It“

Eine unmissverständliche 21.-Jahrhundert-Version dieses Art-Rock-Klassikers der Achtziger, gepaart mit einem Kurzfilm, der zum Nachdenken anregt

Obwohl sie eine Band sind, die über einen extrem starken und unverkennbaren Katalog aus Eigenmaterial verfügt, hatten Placebo schon immer ein besonderes Verhältnis zu Coversongs. Beginnend bereits 1996 mit ihrer Version von Syd Barrett’s „Dark Globe”, hat die Band stets sehr frei und eigen Songs anderer Künstler gecovert, um das eigene Material zu ergänzen. Ihre Wahl dieser Coversongs – von Nick Drake bis Boney M, von Serge Gainsbourg bis zu Depeche Mode – demonstriert die musikalischen Einflüsse sowie das Erbe vonBrian Molko und Stefan Olsdal, stets geboren aus der Freude und Begeisterung, mit den Fans das zu teilen, was sie sie selber lieben – anstatt sich und diese Einflüsse einzuschließen in einen Elfenbeinbeinturm.

Mit seinem Vorschlaghammer-artigen Beat und Molkos klagenden Vocals erinnert uns „Life’s What You Make It” – der titelgebende Track ihrer im vergangenen Jahr veröffentlichten EP – an all die Gründe, warum wir Placebo so sehr schätzen. Zweifellos haben beide Formationen, Placebo und Talk Talk, die 1986 das Original sangen, viel gemeinsam: beide Bands agierten stets sehr wahrhaftig und hielten an ihren künstlerischen Idealen fest, auch wenn dies bedeutete, dass es nicht immer der leichte Weg ist. Zudem schlägt die Kernaussage des Songs – stets das Beste aus den Umständen zu machen, die man vorfindet – einen Akkord an, der gerade in der gegenwärtigen Ära großer Herausforderungen einen besonderen Klang entfaltet.

„Wir haben Talk Talks ‚Life’s What You Make It‘ gecovert, weil es ein Song der Achtziger ist, den wir immer noch sehr schätzen. Außerdem fragten wir uns, ob wir Gwen Stefanis globalen Smash-Hit mit No Doubts Version von ‚It’s My Life‘ wiederholen können. Das indes bleibt abzuwarten…”, sagt Brian Molko schmunzelnd.

 

 

Für den Film zum Song hatte Molko etwas anderes im Sinn, das den Song auf besondere Weise begleitet: Er hatte ein Konzept im Kopf, das lose auf auf dem Original-Video von Talk Talk aus dem Jahr 1986 basiert, das in einer Nacht in Londons Wimbledon Common aufgenommen wurde, einem Naherholungsgebiet südlich der Themse. Darin sieht man die Band umgeben von Natur und, wie Molko es ausdrückt, „kleinen Bestien, die über Blätter krabbeln”. Brian fand, dieses Bild vertrüge eine Art Update, wo „die Band zu Robotern wird und wo die Natur durch Elektroschrott ersetzt wird – so, wie es eben auch aussieht in der Welt, nur wenige Dekaden nach dem Original-Release des Songs.” Die Regieanweisung, die die Band an mögliche Regisseure herausgab, war kurz, simpel und offen für Interpretationen: „Elektroschrott, bitte!”

Es war nicht gerade so, dass Placebo daraufhin mit brauchbaren Antworten überschwemmt worden wären: „Die einzige Regisseurin, die uns antwortete und eine brauchbare Idee von diesem Elektroschrott hatte, war Sasha Rainbow. Ich rief sie an, um herauszufinden, wie sie tickt – und stellte fest, dass ich mit einer sehr tapferen und leidenschaftlichen Frau sprach.”

Rainbows begleitender Film zu „Life’s What You Make It” wurde in Agbogbloshie aufgenommen, einem ehemaligen Feuchtgebiet im Herzen von Accra in Ghana, zugleich die Heimat einer der weltweit größten Müllkippen für Elektroschrott. Er kontrastiert vor einem apokalyptischen Hintergrund aus Erste-Welt-Müll das tägliche Leben jener, die diese gründlich jenseitige Welt bewohnen. „Ich sagte ihr, dass sie wohl Eier aus Stahl haben muss, um an einem derart unwirtlichen Ort in Ghana zu drehen, und dass wir – nein! Auf keinen Fall! – vorbei kommen würden, da wir so schüchterne kleine Seelen sind”, lacht Molko.

„Die beiden Jungs im Film leben an diesem außergewöhnlichen Ort”, beschreibt Rainbow. „Für mich ein Zeichen für die menschliche Fähigkeit, sich anzupassen dank überragender Stärke, Elastizität und Menschlichkeit.” Es ist ein herausfordernder Blick in eine Welt, von deren Existenz nur wenigsten wissen: „Ich hoffte, die Umgebung so einfangen zu können, dass sie eine träumerisch meditative Ebene erhält, sodass sich die Bilder mit dem Thema des Songs auf natürliche Weise verbinden und eine Synergie eingehen – und einen neuen Blick erlauben auf die Auswirkungen unserer gegenwärtigen technologischen Revolution. Denn einerseits erlaubt uns die Technologie, Dinge zu kreieren, die weit über unseren wildesten Vorstellungen liegen – doch andererseits existiert so gut wie keine Diskussion darüber, wie man mit all dem ausrangierten Elektroschrott umgehen soll.”

„Ich halte es für bedeutsam, darauf hinzuweisen, dass das Video nicht anti-technologisch zu deuten ist”, ergänzt Molko. „Das wäre lächerlich, wenn man bedenkt, wie sehr Technologie unser tägliches Leben bereichert. Für mich geht es vielmehr um den Triumph des menschlichen Geistes im Angesicht des Unglücks, das nicht betrachtet wird. Trotzdem hoffen wir natürlich, dass es den Zuseher darüber nachdenken lässt, welche Auswirkungen es hat, stets einfach wegzuschmeißen, was nicht mehr funktioniert. Denn es existieren heutzutage viele neue und kluge Wege, technologischen Müll zu recyceln. Manche Firmen bezahlen dir dafür sogar Geld. Alles, was es dazu braucht, ist ein wenig mehr Anstrengung.”

Eine der zentralen Zeilen von Originalsänger Mark Hollis in „Life’s What You Make It”, „yesterday’s favourite”, wird von Molko dermaßen kraftvoll gesungen, dass es die Elektroschrott-Message des Films intensiv unterstreicht. Es ist weit davon entfernt, pessimistisch zu sein – die Jungs im Film sieht man tanzen und lachen, oder einfacher: das Beste aus ihren Umständen machen.

„Life’s What You Make It” setzt Placebos bemerkenswerte Reihe an besonderen Singles fort, und der begleitende Film besitzt die Kraft, einer der nachdenklichsten Momente zu werden, der einem in diesem Jahr begegnen wird. Und hier kann man ihn sich anschauen:

foto: universal music