Amélie Haidt – Von einer Musikerin, die mehr will

 

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Foto: Nikolas Fabian Kammerer

Amélie Haidt studiert Jazz-Gesang an der Musikhochschule München. Im Interview spricht sie über ihre Projekte Amélie // 23 Karat, SiEA, ihre EP-Veröffentlichung und ihren Bezug zum Gasteig.

Wie bist du zu der Musik und den Projekten gekommen, die Du jetzt machst?

Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie und wurde sehr gefördert – ich hatte musikalische Früherziehung und habe immer zu Hause gesungen. Mein Vater hat einen Chor geleitet und mit sechs Jahren habe ich angefangen, Gitarre zu spielen. Dazu habe ich selbst immer gesungen und dann fiel die Entscheidung, auch eigene Songs zu schreiben. Ich habe gemerkt, dass meine Stimme noch nicht da war, wo ich sie gerne hätte und habe mich dann dazu entschieden, das zu professionalisieren.

Was möchtest du dem Publikum vermitteln, wenn du auf der Bühne stehst?

Es kommt immer darauf an, in welcher Formation man da steht. Natürlich ist es ein riesiger Unterschied, wenn man die Lieder selber geschrieben hat und die Geschichte aus einem herauskommt. Im Endeffekt möchte ich, dass die Leute ein gutes Gefühl haben, freudig nach Hause gehen und eine gute Zeit hatten.

Du hast sehr viele Projekte. Welche sind die aktuellen?

SiEA ist eine Gruppe, die sehr neu ist: Eine Mischung aus „Sie“ und „Sea“. Wir sind eine 10-köpfige Frauenband. Da steht natürlich die Frau im Vordergrund aber auch, was das Meer bedeutet.

Wer schreibt bei euch die Texte?

Von den zehn Frauen sind sechs Komponistinnen dabei, daher entstehen verschiedene Kompositionen. Was ich großartig finde, ist, dass wir es geschafft haben, einen roten Faden zu finden. Das macht es sehr spannend.

Wenn man auf deine Website schaut, bekommt man das Gefühl, dass du ausgebuchter bist als der Papst. Was reizt dich an den verschiedenen Projekten und wie schaffst du den Spannungsbogen zwischen den Kompilationen und deinen Solo-Projekten?

Haidt&Grond ist ja zusammengeschlossen worden, da wir vorher in der Formation noch nicht gespielt haben. Das Projekt Miss Mango hatte ich sehr lange, was mit Jugendfreunden entstanden ist. Da waren Eigenkompositionen in englischer Sprache dabei. Ich wurde vom Goethe-Institut eingeladen, in die Türkei zu fahren, um dort auf Deutsch ein Programm zu singen und die deutsche Sprache an verschiedenen Schulen zu vermitteln. Das waren für mich der Auslöser und der Zeitpunkt, an dem ich gemerkt habe, dass mir die deutsche Sprache näher ist. Ich habe das Gefühl, mich so viel besser ausdrücken zu können. Daraus ist dann Amélie // 23 Karat entstanden – mit dem Projekt bringe ich am 28. März im Cord Club meine erste EP heraus. Ich habe die Lieder geschrieben, bin zu Silvan Strauss, einem guten Freund, nach Hamburg gefahren. Er ist Schlagzeuger und ein großartiger Produzent und wir haben zusammen die Sachen im Studio aufgenommen, danach habe ich die Musik mit Band ausprobiert. Das war ein bisschen „andersherum arbeiten“, denn normalerweise schreibt man ein Lied, bringt es zur Band und dann wird geschaut, was man daraus macht. Das ist jetzt mein Herzensprojekt, das komplett ich bin.

Mit SiEA haben wir englische Sachen geschrieben, aber die Idee war, es globaler zu halten. Es war sehr spannend zu sehen, wie anders man an die Sachen herangeht: Plötzlich musst du für Tuba oder Saxophon schreiben, was sonst für mich nicht gewöhnlich ist.

Was ist für dich die erste Aufwärmübung beim Singen und welche Tipps hast du gegen Halsschmerzen?

Eine Einsing-Routine habe ich nicht. Wenn ich frühmorgens einen Studiojob habe, mache ich auch nicht viele Übungen, weil mich das eher ermüdet. Ich mache so ein bisschen »Einblubbern«, schaue, ob alle Lagen da sind. Wenn ich nachmittags eine Probe und eh den Tag über gesprochen habe, singe ich mich nicht ein. Wenn ich ein bisschen erkältet bin, mache ich das schon ein wenig mehr, um das Gefühl zu haben, dass es lockerer ist. Ipalat ohne Zucker ist großartig und ich trinke wahnsinnig viel Tee. Aber das kann man nicht verallgemeinern, denn jeder ist und reagiert anders. Was ich den Winter über getrunken habe, ist ein Mix aus frischem Ingwer, Kurkuma, Orangen, Zitronen und Grapefruit – damit bin ich gesund geblieben.

Wir leben in einer unheimlich schnelllebigen Zeit und wir bemühen uns immer, virtuell durch Facebook, Instagram & Co. zur richtigen Zeit am richtigen „Ort“ zu sein. Wie gestaltest du medial den Kontakt zu deinen Fans?

Ich finde das wahnsinnig schwierig und unterhalte mich mit vielen Kollegen drüber. Letztens habe ich einen Artikel darüber gelesen, dass Taylor Swift eine zwölfköpfige Firma hat, die nur dafür zuständig ist, ihren Instagram-Account zu pflegen. Das zeigt, was das alles bedeutet, was man machen könnte und müsste. Ich schaffe es auch nicht, jeden Tag etwas zu posten und frage mich schon: „Wer will denn das sehen?“ Das dürfte man wahrscheinlich nicht machen, wenn man in der Öffentlichkeit steht und auch schon möchte, dass die Leute sehen, was man macht. Aber es ist schwer, eine gute Mischung zu finden aus den Projekten und dem Persönlichen.

Es macht auch einen wahnsinnigen Stress, ist aber auch eine große Hilfe: Man kann sich auf sehr leichtem Wege selber präsentieren und viele Leute erreichen.

Oscar Wilde hat, hier in Übersetzung, einmal gesagt: »Die Musik ist der vollkommenste Typus der Kunst: Sie kann ihr letztes Geheimnis nie enthüllen.« Was denkst du darüber?

Ich stimme in Teilen zu. Wenn jemand großartig malen oder Skulpturen machen kann, trifft das genauso zu. Ich finde, dass man mit Musik wahnsinnig viel ausdrücken kann und eigentlich alle Menschen erreichen kann. Wenn ich auf Hochzeiten spiele oder mit meinen eigenen Sachen auf der Bühne stehe, muss es nicht zu hundert Prozent gefallen, aber in irgendeiner Form erreicht es die Menschen.

Das mit dem letzten Geheimnis muss ich mir nochmal durch den Kopf gehen lassen, aber ich sehe es auch so, dass es bestimmt in einigen Fällen zutrifft – vielleicht nicht in allen Fällen, da bei mancher Musik sehr offen dargelegt ist, was gemeint ist.

Welche Künstler/innen beeinflussen dich am meisten?

Schwierig zu sagen. Mein erstes Erlebnis, bei dem ich sehr beeindruckt war, hatte ich, als ich noch sehr klein war. Mein Vater hat im Auto eine Kassette eingelegt und es kam »Stairway To Heaven« von Led Zeppelin. Ich weiß auch noch genau, wo wir waren, wo wir lang gefahren sind. Das hat mich tief berührt und dazu beigetragen, dass ich Gitarre gelernt habe.

Die Jazz-Sängerin Lizz Wright finde ich ganz großartig. Sie kommt ursprünglich aus der Kirche und ich habe noch nie einen Menschen auf der Bühne gesehen, der so bei sich ist und eine solche Ausstrahlung besitzt. Es ist faszinierend, mit welcher Ruhe sie ihre Kunst darbietet und auch wirklich jeden erreicht. Da kommt die Musik aus sich selbst und muss niemandem gerecht werden.

»Hurt« von Johnny Cash kann ich mir auch nicht anhören, ohne jedes Mal in Tränen auszubrechen, da er es schafft, eine Stimmung zu erzeugen, in der jeglicher Schmerz enthalten ist.

Setzt dich so etwas dann unter Druck, das Gleiche erreichen zu wollen?

Das hatte ich eine Zeit lang, habe aber gemerkt, dass es nicht zu etwas Positivem geführt hat und ich stehen geblieben bin. Jedes Konzert fühlt sich anders an und auch die Energie zwischen einem selbst und dem Publikum variiert jedes Mal. Ich habe gemerkt, dass ich inzwischen Sachen so steuern kann, dass es eine Grundstimmung erzeugt – sowohl bei mir als auch beim Publikum, was ein stetiger Austausch ist.

Welche Projekte stehen jetzt noch an?

Mit SiEA spielen wir als nächstes auf dem IsarFLUX-Festival, worauf ich mich schon sehr freue, am 12. April im Harry Klein, im Juli auf dem Südtirol Jazz-Festival und für den Herbst ist eine Tour geplant. Unser erstes Konzert hatten wir im Januar in der Milla und das hat sich gleich so groß angefühlt, auch die Resonanz vom Publikum war Wahnsinn. Ich habe das Gefühl, dass da viel passieren kann.

Mit meinem eigenen Projekt, Amélie 23 // Karat, habe ich am 28. März Release-Konzert im Cord Club und bin dabei, eine Tour zu planen und auf Festivals zu fahren. Ich hoffe, dass ich Partner finde für Booking oder Label, da es so viel Arbeit um eine CD herum ist, sodass ich mich ein bisschen mehr auf die Musik konzentrieren kann.

Der normale Hochschulwahnsinn ist auch noch: Bis Anfang Juni muss ich meine Bachelorarbeit schreiben und habe dann mein Abschlusskonzert. Miss Mango geht auch weiter mit Songwriting und mit dem Gitarristen Wolfgang Netzer habe ich das Duo Haidt The Wolf. Es steht also eine Menge an und ich freue mich sehr darauf.

Amélie Haidt tritt am 1. April mit SiEA beim IsarFLUX-Festival im Gasteig auf. Aktuelle Termine und Projekte werden auch auf ihrer Homepage veröffentlicht.

(A.E.)