Im Interview mit Bosse – „Musik kann Bubbles durchbrechen.“

BOSSE_SUNNYSIDEAm 27. August hat Bosse sein neues Album „Sunnyside“ veröffentlicht. Darauf zu hören sind vierzehn Songs, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Warum genau das die Kernidee des Albums ist, wieso Musik per se gesellschaftsstiftend ist und was man sich unter einem Einwegmoment vorstellen kann, hat uns Bosse in einem Telefoninterview verraten.

Wie unterscheidet sich dein neues Album von deinen bisherigen Alben? 

Bosse: Es ist musikalisch diverser geworden. Es hat musikalisch eigentlich gar keinen roten Faden, das ist mir nochmal bewusst geworden. Das einzige, was das Album zusammenhält, ist die Art und Weise, wie ich texte und mein Gesang. Ansonsten habe ich mir diesmal im Vorhinein gedacht, jede Nummer soll das bekommen, was sie verdient. Ich habe Lust auf neue musikalische Wege und bin auf der Suche nach dem Ausgang aus meiner eigenen musikalischen Favela. So kann man das vielleicht sagen. Seit ich vierzehn bin, arbeite ich an der Akustik Gitarre und am Klavier und freue mich wirklich über jede neue Akkordfolge, über jeden neuen Klang. Nachdem ich eine 90er Jahre Nummer aufgenommen habe, wollte ich diesmal danach gerne etwas elektronisches machen. Das ist, glaube ich, der größte Unterschied zu den Vorgängeralben. Ansonsten habe ich versucht, ein bisschen klarer in der Sprache zu werden und auch gesellschaftlicher.

Meinst du gesellschaftlich bezüglich der Texte und Themen?

Bosse: Genau. Ich habe mir vorgenommen, zwei politische Nummern auf dem Album zu haben. Und der größte textliche Unterschied ist, dass ich diesmal darauf geachtet habe, dass ich nicht immer alles in einem Song bedienen muss. Auf dem altem Album gibt es zum Beispiel einen Song, der heißt „Süchtig“. Der Protagonist und die Protagonistin machen ein Picknick am See. Ich wollte am Ende unbedingt noch, dass sie ein AfD Plakat zerreißen, weil das ja auch richtig ist. Aber diesmal habe ich mir gedacht, wenn gesellschaftlich, dann eben gesellschaftlich. Und wenn es ein bisschen flacher sein soll, wie zum Beispiel bei „Wild Nach Deinen Augen“, wo es ja wirklich nur um Musik geht, zu der man durch die Küche tanzt, dann ist das auch okay. Es muss nicht immer alles wollen.

Ich finde, das merkt man. Die Songs stehen für sich. Ich kann mir vorstellen, dass es gar nicht so einfach ist, der Versuchung zu widerstehen, zu viel auf einmal zu wollen. Jeder Song soll irgendwie tanzbar sein aber gleichzeitig auch politisch und emotional. 

Bosse: Ja, deshalb ist es mir auch so wichtig, dass ich ein Album machen kann, auch wenn das in den nächsten Jahren vielleicht gar nicht mehr so normal sein wird. Ich werde das aber trotzdem immer machen müssen, weil sich die Songs immer gegenseitig bedingen. Ein Liebeslied wie „Wild nach deinen Augen“ wird dann eben aufgehoben durch einen Song wie „Das Paradies“. Die Songs müssen dann auch einigermaßen dicht aneinander stehen. „Das Paradies“ wird dann wichtiger, wenn man hinter „Wild Nach Deinen Augen“ ein Häkchen gesetzt hat. Das hab ich zumindest so probiert. „Sunnyside“ ist mein achtes Album, ich versuche textlich, mich so wenig wie möglich zu wiederholen, was langsam auch gar nicht mehr wirklich möglich ist. Umso mehr freue ich mich dann immer, wenn ich etwas gefunden habe und einen triftigen Grund sehe, darüber Texte zu schreiben. Es geht mir dann eigentlich immer um emotionale Tiefe, um Schmerz, um das Archivieren und Sortieren im Kopf und um gesellschaftliche Themen. Viele andere Sachen kicken mich einfach nicht mehr.

Wenn dein Album ein Drink wäre, welcher wäre es?

Bosse: Ich glaube, das wäre ein mittelguter Gin Tonic mit Gurke. Ein bisschen bitter, die Gurke ist aber auch ein bisschen saftig und im besten Falle wird man auch ein bisschen voll davon. Ich glaube, ich hätte auch gerne Crushed Ice darin. Zuerst beißt man auf die Gurke, die ist saftig. Dann beißt man auf das Eis und hat ein bisschen Zahnschmerzen.

Was ist dein Lieblingssong auf deinem neuen Album und warum? 

Bosse: Ich könnte die Frage auf zwei Arten beantworten, entweder welcher Song beim machen am leichtesten oder lustigsten war, oder welcher Song am längsten bleibt.

Welcher Song wird am längsten bleiben?

Bosse: Ich glaube, am längsten bleiben wird „Vater“. Diesen Songs werde ich wahrscheinlich auch noch in 20 Jahren gerne singen. Ich merke meistens schon beim Schreiben, welche Songs länger bleiben und welche vielleicht auch nicht. „Vater“ geht mir selbst nah, deshalb würde ich ihn als meinen Song des Albums sehen.

„Das Paradies“ ist ein Song über gesellschaftliche Verantwortung. Welche Rolle spielt Musik in diesem Kontext deiner Meinung nach? 

Bosse: Ich glaube, dass Musik, übrigens genauso wie Sport, nur auf eine andere Art und Weise, ein totales Bindungsmittel ist. Ich mache ja eigentlich schon Musik für gewisse Leute. Der Anteil an Studentinnen und Studenten oder der Anteil an jungen Leuten generell, die vielleicht eher links und weltoffen sind, ist bei mir nach wie vor hoch. Und trotzdem ist es so, dass auf meine Konzerte auch ganz andere Leute kommen. Ich merke eben einfach, wie ein Konzert Leute miteinander verbindet. Das ist, was Musik schon immer gemacht hat und was am aller schönsten ist, einfach im gleichen Moment zu sein und zusammen zu feiern und zu genießen. Musik kann Bubbles durchbrechen. Das ist einer der Hauptgründe, warum ich angefangen habe, mich gesellschaftlich zu engagieren, auch neben der Musik. Gerade die Leute, die auch meine Musik hören, haben Bock, Sachen anzuschieben. Unterschiedliche Leute, die zusammen etwas antreiben, das finde ich gut.

Während der Pandemie sind viele seichte Corona-Alben entstanden. Aber es gibt auch Gegenbeispiele. Welche Band hat dich mit ihrer Musik aus dem Corona-Blues geholt?

Bosse: Das ist jetzt wahrscheinlich die Standardantwort, aber ich fand Danger Dan schon echt stark. Der Typ hat sein Piano aus dem Probenraum mit nachhause genommen und hat ein wunderschönes Album geschrieben. Das fand ich faszinierend.

Zusammen mit Axel Horn bist du neuerdings selbst Konzert- und Tournee-Veranstalter. Was hat dich dazu bewegt, dein eigenes Konzertveranstaltungslabel „Auf die feine Tour“ zu gründen?

Bosse: Im Lockdown gegründet. Lacht. Einer meiner ältesten Freunde ist gleichzeitig auch mein Booker und mein Mitmanager. Er hat bei seiner alten Firma aufgehört, dann haben wir uns in die Augen geschaut und meinten: Okay, wir hatten ja eh schon immer vor, eine kleine Firma zusammen aufzumachen. Dann buchen wir ab jetzt einfach selbst. Durch Aspekte wie Green-Touring sind wir eigentlich erst wieder darauf gekommen. Wir haben uns gefragt, was man besser machen kann, was man anders machen kann, welche Künstlerinnen und Künstler finden wir gut, wie ziehen wir das auf. Das liegt vielleicht auch daran, weil ich am Anfang selbst reichlich erfolglos war. München ist ein super Beispiel. Dort haben sich der Konzertveranstalter und ich das hundertste Ticket geteilt. Wir haben beide fünfzehn Euro auf den Tisch gelegt, damit wir die hundert endlich voll bekommen. Wenn es darum geht, Abrechnungen zu machen oder zu planen, bin ich dabei. Das ist immer irgendwie persönlich. Ich wollte das gerne so weitermachen. Als Aki aus der Firma ausgestiegen ist, wollte ich bei ihm bleiben. Dann haben wir einfach eine eigene Firma gegründet. Wir haben mit Disarstar und OK KID angefangen und jetzt kommen noch zwei junge Künstlerinnen und eine Mädelsband dazu und dann sind wir, glaube ich, auch erstmal komplett. Während der Pandemie gab es dann plötzlich nichts zu tun, außer zu verschieben. Aber das wird jetzt alles wieder, hoffe ich.

In deinem Song „Der Letzte Tanz“ singst du von Einwegmomenten. Was zeichnet einen Einwegmoment aus?

Bosse: Naja, die Wahrheit ist ja, dass fast jeder Moment ein Einwegmoment ist. „Täglich grüßt das Murmeltier“ betrifft ja eigentlich nur die schlimmsten alltäglichen Dinge: Wenn man zum Beispiel merkt, dass man schon wieder im gleichen Büro, schon wieder vor dem gleichen Bildschirm sitzt. Mit Einwegmoment meine ich vor allem den Moment, dem man sich bewusst wird, weil er vielleicht so gut ist oder so absurd oder so traurig ist. Wenn ich mit dreiundzwanzig bei „Rock am Ring“ spiele und, seit ich dreizehn bin, davon geträumt habe, dann ist das ein Einwegmoment. Das kommt so nicht wieder. Dann steht man da und ist in dem Moment so aufgeregt, dass man erst ganz am Ende merkt, dass man gerade einfach bei Rock am Ring auf der Bühne steht. Genau sowas meine ich mit Einwegmomenten. Den Genuss des Moments habe ich ganz oft auf Bühnen. Aber auch woanders, wenn etwas extremes passiert. Abschiede, Einschulung, Geburten.

Was war dein letzter großer „Einwegmoment“? 

Bosse: Ich glaube, mein letzter richtiger Einwegmoment war ein offenes, tolles, ehrliches Gespräch mit meiner besten Freundin.

Du hast in einem Interview kürzlich gesagt, dass schon ewig auf deiner Bucketlist stand, mit Freunden zusammen Musik zu machen. Diesen Punkt kannst du nach deiner Tour mit Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch streichen. Was ist der nächste Punkt auf deiner Liste? 

Bosse: Ich könnte mir vorstellen, mit dem Kaiser Quartett zu arbeiten. Das ist ein Streichquartett aus Hamburg. Nur Stimme und Streicher, das ist der nächste Punkt auf meiner Bucketlist.

Das klingt vielversprechend, wir sind gespannt! 

Bosse: Ich auch.

Vielen Dank, dass Du dir die Zeit genommen hast! 

Bosse: Danke dir, bis zum nächsten mal!

Interview: Paulina Platzer

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