„Das ist das Ziel von jedem Musiker, einen Soundtrack zum Leben zu machen.“ – Im Interview mit Xavier Darcy

Xavier DarcyVor seiner Big City Dreams Tour hat Xavier Darcy uns in einem kurzen Interview in München erzählt, wie sich sein Sound auf seinem Debütalbum „Darcy“ verändert hat, was so schwierig am Erwachsenwerden ist und auf was sich seine Fans 2017 noch freuen können.

Du bist mehrsprachig aufgewachsen, sprichst fließend Englisch, Französisch und Deutsch. Warum hast du dich dafür entschieden, auf Englisch zu singen?

Es war eigentlich nie eine bewusste Entscheidung. Viel Musik, die mich inspiriert hat, ist Englisch. Das war dann einfach natürlich, selbst auch auf Englisch zu singen. Auf Deutsch zu schreiben fällt mir schwer. Ich würde es gerne tun, aber das kann ich leider nicht. Ich glaube, dass deutschsprachige Künstler einfacher eine Verbindung zum Publikum aufbauen können. Kritiker und Zuhörer achten auch mehr auf die Texte, wenn sie Deutsch sind. Englisch bietet sich für das Songwriting an, weil es eine sehr flexible Sprache ist. Das fällt mir am leichtesten.

Du hast einige Songs geschrieben, die vom Erwachsenwerden handeln. Was ist so schlimm am Erwachsenwerden?

Das Statement „I Don´t Wanna Grow Up“ (Intro) muss man natürlich mit Humor betrachten. Das ist eine Reaktion auf die Geschehnisse, aber natürlich kann man die Zeit nicht stoppen. Es geht nicht darum, dass ich nicht erwachsen werden will, sondern eher darum, wie man mit diesen Gefühlen umgeht. Die Jahre von 16 bis 20 sind einfach faszinierend. Da verändert sich so viel, da macht man so viele Dinge zum ersten und zum letzten Mal. Manchmal will man an einem Moment festhalten, aber die Dinge ändern sich so schnell. Schule, Karriere, Universität, Freundschaften und Beziehungen ändern sich. Man kann an diesen Dingen nicht festhalten. Das Statement „Ich will nicht erwachsen werden“ bedeutet eigentlich „Ich will an diesem Moment festhalten“.

Letztes Jahr warst du mit Puls Startrampe unterwegs. Was hast du davon mitgenommen?

Puls Startrampe war eine der coolsten Sachen, die ich je gemacht habe. Ich weiß nicht, ob ich unbedingt etwas daraus gelernt habe, aber ich habe wahnsinnig viel Spaß gehabt. Wir waren mit dem Bus unterwegs und sind von München nach Paris gefahren. Wir haben Hozier und The Tallest Man On Earth getroffen, Musiker, die mich so sehr inspirieren. Das war einfach ein unglaubliches Erlebnis. Dann haben wir einen Song in den Ferber-Studios in Paris aufgenommen. So viele Träume sind in diesen zehn Tagen in Erfüllung gegangen. Man hatte den Eindruck, man erlebt auf diesem Road-Trip so viel an einem Tag, wie andere Leute in einem Jahr.

 

 

Du hast am 24. Februar dein Debütalbum „Darcy“ rausgebracht. Wie hat sich dein Sound seit „Extended Play“ verändert?

Ich glaube, der Sound ist auf jeden Fall größer geworden. Wir waren davor eher minimalistisch, alles war sehr auf die Gitarre fokussiert. Jetzt haben wir, statt ein Instrument zum Heiligsten zu erklären, gemeinsam ein Bett aus Instrumenten gebaut, wo die Vocals dann quasi draufsitzen. Ich glaube, heutzutage ist es die Tendenz der Pop-Musik, sehr minimalistisch zu bleiben, wir haben uns bewusst dagegen entschieden, um auf dieser Platte alles so groß wie möglich zu machen. Das war auch eine bewusste Entscheidung für genau dieses Album, weil ich ja nur einmal ein Debütalbum mache. Da will ich mich nicht zurückhalten.

In „Big City Dreams“ heißt es im Refrain: „Will You Remember Me?“. An was soll man sich erinnern, wenn man den Namen Darcy hört?

„Will You Remember Me“ passt zum Thema, das wir auf der Platte angesprochen haben, zum Erwachsenwerden. Die Dinge ändern sich so schnell, man verliert Beziehungen und Freundschaften und man fragt sich manchmal, ob sich seine Freunde in zwanzig Jahren überhaupt an einen erinnern werden. Wenn man zum Beispiel Kontakt mit einer Ex-Freundin verliert, das ist mir selbst passiert, fragt man sich, ob sie sich überhaupt an einen erinnert, wenn man selbst sehr viel daran denkt und das wahrscheinlich auch in 20 Jahren noch tun wird. Man fragt sich manchmal, wie markant diese Beziehungen sind, die man so führt.

Ich weiß nicht, wie das in der Musik ist. Das ist etwas, was ich mich lieber nicht fragen will, weil ich glaube, dass es heutzutage so viel Musik gibt und immer mehr wie etwas Temporäres behandelt wird. Ich hoffe natürlich, dass sich die Leute auch noch in zehn oder zwanzig Jahren an meine Musik erinnern werden. Aber was ist wenn morgen Spotify abstürzt? Haben wir dann überhaupt noch Musik? Deswegen freue ich mich, wenn Leute CDs kaufen, das ist etwas Physisches. Ich kann nicht sagen, was die Leute denken sollen, wenn sie an mich denken. Ich hoffe einfach, dass sie sich an mich erinnern. Ich weiß nicht genau, mit was man meine Musik in Verbindung bringen sollte, hoffentlich einfach mit schönen Momenten. Das ist das Ziel von jedem Musiker, einen Soundtrack zum Leben zu machen.

Vor einiger Zeit tobte eine Debatte darüber, wie schwierig es für junge Künstler ist, in München Musik zu machen. Du hast dir München ausgesucht, was meinst du zu diesem Thema?

Ich habe mir München nicht bewusst ausgesucht, aber ich bin bewusst geblieben. Die Mieten sind sehr hoch und die Probenraumsituation ist nicht wirklich gut. Aber ich glaube, dass es trotzdem sehr viele Möglichkeiten gibt, kreative Sachen zu machen und Kunst zu schaffen. Natürlich ist die Szene hier nicht so groß wie in anderen Städten. Ich glaube, dadurch haben es die Musiker aber tatsächlich leichter, dadurch bieten sich viel mehr Auftrittsmöglichkeiten und Förderungen durch die Medien an. Wenn man sich die Bands in München anschaut, waren wahrscheinlich schon fast alle bei Puls, bei EgoFM, bei M945. Es gibt hier sehr viele Formate, die lokale Bands unterstützen. Das ist schon mal sehr gut an München.

Du hast in einem Interview mal gesagt, dass die Musik ein Weg ist, dem Alltag und der Realität zu entfliehen, dass man aber trotzdem politisch aktiv sein sollte. Wie kann man diese Gegensätze vereinen?

Ich glaube, dass es momentan sehr schwer ist. Ich frage mich selbst gerade, wie man am besten mit dieser politischen Situation umgeht. In den letzten zwei Jahren sind viele Dinge passiert, über die ich als liberaler Europäer empört bin. Ich weiß gerade aber nicht, was die Antwort darauf ist. Einerseits ist es wunderbar, durch die Musik diesen Rückzugsraum zu haben und die echte Welt zu ignorieren. Andererseits ist es wirklich ein Problem, dass wir als liberale, junge Menschen in einer Blase leben. Wir sind völlig empört über Brexit, AfD oder Trump, aber wir wissen nicht, was wir dagegen tun können. Wir gehen alle online und protestieren, aber wir reden eigentlich nur mit Leuten, mit denen wir uns eh einig sind. Ich glaube es wäre gut, wenn man durch die Musik an Menschen rankommen könnte, die eben nicht dieselbe Meinung haben. Aber ich weiß nicht, wie man das schaffen kann. Protestmusik hören eben nur diejenigen, die diese Meinung teilen. Es gibt aber Popkünstler, die in Deutschland eine große Plattform haben und das auf jeden Fall nutzen sollten, um mehr politische Statements zu geben. Viele tun das bewusst nicht, um ihre Karriere nicht zu gefährden. Wenn ich als Künstler so viele Leute erreichen könnte, würde ich meine Meinung auf jeden Fall äußern.

Du bist jetzt erstmal auf Big City Dreams Tour. Was hast du 2017 sonst noch vor?

Touren, touren, touren. Im Sommer spielen wir auf jeden Fall auf Festivals, im Herbst wollen wir dann nochmal auf Tour gehen. Die Pläne sind noch geheim, aber wir werden so viel live spielen wie möglich. Wir sind wirklich stolz auf die Platte und haben das in eine tolle Live-Show umgewandelt, das wollen wir jetzt möglichst vielen Leuten zeigen.

(P.P.)

foto: ©Lisa Lahnke