KENAY im Interview – „Ehrlichkeit ist für mich das wichtigste Element in der Musik“

Wir haben mit Kenay über seine EP „Müde Pioniere“, Zweifel, Ehrlichkeit und was Musik für ihn bedeutet gesprochen.

Du hast kürzlich deine EP „Müde Pioniere“ veröffentlicht – was kannst du zur Entstehungsphase sagen? 

Die EP ist eigentlich ein Vorbote meines Albums, das im Januar erscheint, und wir wollten eine Facette und ein Lebenszeichen vor dem Album zeigen und in die Welt senden. Somit haben wir uns für „Müde Pioniere“ entschieden und noch einen zweiten Song mit draufgepackt, „Apriltag am Elbstrand“, und haben dann noch Remixe angefragt.

Welcher der Remixe ist dein persönlicher Favorit?

Ich glaube, das ist der von Robot Koch. Aber ich mag auch den von Tua, der ist etwas außergewöhnlicher. Genauso mag ich den von Nico Pusch, weil es auch eine ganz andere Richtung und auf Clubmix gemacht ist.

Wie ist das Gefühl, wenn du deine eigenen Songs veröffentlicht hast und diese dann hörst oder im Video siehst? 

Das ist ein ganz tolles Gefühl. Ich arbeite immer sehr lange an meinen Songs, vor allem an der Entstehung des Textes und der Musik. Manchmal feile ich Monate daran. Dann hat man immer  wieder eine Idee und bis der Song fertig ist, ist es eine weite Reise. Dementsprechend schön ist das Gefühl, wenn man das fertige Video sieht.

Ist die Reise für dich zu Ende, wenn ein Song fertig ist? 

Auf der einen Seite ist etwas zu Ende, auf der anderen Seite geht es erst los, das den Menschen zu zeigen, eine Reaktion zu bekommen. Dafür machen die meisten Musiker ja auch Musik, um das alles live zu präsentieren. Ich freue mich jetzt auch, auf Tour zu gehen, was natürlich  viel schöner ist, als nur in seinem Zimmer zu sitzen und die Musik aufzunehmen. Ich mache auch so viele Dinge, die gar nichts mit Musik zu tun haben und dann freut man sich, die Musik in die weite Welt schicken zu können.

Wie empfindest du es, deine eigenen Gedanken durch die Songs mit deinem Publikum zu teilen und die Reaktionen zu sehen?

Ganz toll. Aber ich stehe schon sehr lange auf der Bühne, hatte auch Klavierauftritte- und Wettbewerbe im Kinder- und Jugendalter, habe bei Jugend musiziert mitgemacht, war auf einem musikalischen Gymnasium, daher kenne ich das.

Mit 14 Jahren habe ich meine erste Hip Hop-Band gegründet und habe da schon Blut geleckt. Ich weiß noch, dass ich mit 17 mal im Westfalenpark vor 7000, 8000 Leuten und das war für mich ein Wahnsinnsgefühl. Ich habe in Jugendhäusern oder besetzten Häusern in Köln gespielt, in kleinen und großen Clubs. Es macht einfach tierisch Spaß, dieses direkte Feedback zu bekommen. Ich empfinde es auch als Herausforderung, die Menschen abzuholen. Als Vorgruppe spielt man ja meistens vor wirklich fremden Menschen und das ist auch nochmal etwas Anderes, als wenn Fans zu deinem Konzert kommen und die Songs kommen. Aber egal, in welchem Rahmen das stattfindet – live zu spielen, macht mir tierisch Bock.

Inwiefern hast du ein bisschen Angst, dass sich irgendwann eine Gleichgültigkeit einstellt? 

Gar keine, denn so häufig hab ich es dann doch noch nicht gemacht. Ich habe auch schon zwei Tourneen mitgespielt, jetzt folgt meine eigene, dann bin ich Vorgruppe von Tonbandgerät und es ist jedes Mal eine total tolle Zeit. Jede Stadt ist anders, jeder Abend ist besonders. Ich bin auch jedes Mal aufgeregt, bevor ich auf die Bühne gehe. Das Livespielen geht bei mir jetzt erst wirklich los. Ich habe erst einmal mein Album auf dem Reeperbahnfestival präsentiert und die Tour wird aufregend.

Wenn wir nochmal zu „Müde Pioniere“ zurückkommen: Der Song erzählt vom Resignieren, vom Erwachsenwerden, von dem, was in unserer Welt momentan zu viel da ist. Wie bewertest du das selbst? 

Das ist ein Grundgefühl, das du gerade beschrieben hast und das sehe ich bei sehr vielen Menschen. Es ist schwierig, es in einem Satz zu sagen. Es ist auf jeden Fall nicht politisch gemeint, sondern vielmehr auf eine Generation bezogen. Sehr viele Menschen wollen viel erreichen, haben große Ambitionen, aber dahinter steht immer ein immenser Leistungsdruck. Bei mir ist es mit der Musik auch so, es gibt eine wahnsinnige Konkurrenz. Das ist manchmal erschöpfend, aber auch eine gewisse Motivation.

Wie entstehen bei dir die Texte und was ist das Wichtigste beim Schreiben? 

Das Wichtigste ist Ehrlichkeit und dass der Kern und das, was ich sage, ehrlich ist. Natürlich ist es auch Kunst und Poesie, aber ich glaube, dass Menschen Ehrlichkeit spüren. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man etwas singen muss, wo man nicht hinter steht. Bei Castingshows finde ich das ganz schlimm. Da spüre ich als Zuhörer, dass das nicht passt. Da gibt es manche andere Künstler, bei denen man das wirklich spürt. Was mit dem Song vermittelt wird, ist nochmal etwas Anderes. Hauptsache, der Interpret fühlt und meint das so.

Inwiefern hast du Angst vorm Scheitern, wie „spürst du die Welt“, wie du in deinem Song singst? 

Ich habe Tiefphasen erlebt und mache schon sehr lange selbstständig Musik als Künstler und Produzent. Ich hatte Phasen, in denen ich gezweifelt habe, nichtsdestotrotz habe ich weitergemacht. Für mich war immer die Regel, dass wenn es konsequent nach oben ging, war es der richtige Weg. Mit jedem weiteren Erfolg wächst auch eine gewisse Sicherheit. Man bekommt Bestätigung. Momentan habe ich natürlich immer noch Zweifel, aber ich glaube sehr stark an das, was ich mache.

Mit welchen Irrtümern der Musikwelt würdest du gerne aufräumen? 

Ich versuche, Popmusik zu machen, möchte ins Radio kommen und in so einer Welt mitspielen. Doch einer der größten Irrtümer ist, dass die Menschen glauben, dass so, wie es im Radio oder auf der Platte klingt, es auch live klingen muss. Das ist gerade bei sehr vielen amerikanischen Produktionen so – die Vocals werden so perfektioniert, so eng aneinander geschnitten und dann denken manche, dass das so klingt.

Was macht für dich Musik schön?

Dass sie emotional und bewegend ist. Sie kann einem in traurigen Momenten Kraft geben oder das Gefühl verstärken. Wo man das sehr merkt, ist bei Filmen, denn da merkt man, wie Musik auf das Gehirn wirkt. Musik hat eine wahnsinnige Auswirkung auf das, was man gerade fühlt.

Welcher Künstler wärst du gerne in den 70er Jahren gewesen? 

Ich wäre gerne John Lennon gewesen. Das war eine ganz tolle Persönlichkeit und finde auch die Beatles sehr großartig.

Welche Pläne hast du für die kommende Zeit? 

Die Tour mit Phela steht an, dann gehe ich im November/Dezember mit Tonbandgerät an. Die nächste große Etappe ist das Album, „Rot und Blau“, welches am 22. Januar veröffentlicht wird. Dann werde ich damit wohl auch nochmal im Februar/März auf Tour gehen, worauf ich mich sehr freue. Ich habe drei Jahre an dem Album gearbeitet und es ist ein wahnsinniges Gefühl, das in den Händen zu halten und es den Menschen zu präsentieren.
(A.E.)