Man muss den schmalen Grat zwischen Echtheit und Selbstzweck finden – LIANN im Interview

liannDer Münchner Singer-Songwriter LIANN alias Kilian Unger hat vor allem im letzten Jahr mit seiner ersten EP „Murmeltier“ von sich reden gemacht und die Münchner Bühnen und Festivals bespielt. Am 1. Mai veröffentlicht er seine zweite EP „Goldjunge“ mit einem Konzert im Ampere. Beim Interview haben wir mit ihm über Poetik, Instrumentation, die Entwicklung deutschsprachiger Musik und natürlich seine neue EP geredet. Der Münchner Singer-Songwriter LIANN alias Kilian Unger hat vor allem im letzten Jahr mit seiner ersten EP „Murmeltier“ von sich reden gemacht und die Münchner Bühnen und Festivals bespielt. Am 1. Mai veröffentlicht er seine zweite EP „Goldjunge“ mit einem Konzert im Ampere. Beim Interview haben wir mit ihm über Poetik, Instrumentation, die Entwicklung deutschsprachiger Musik und natürlich seine neue EP geredet.

Wie stehst du zu Luftpolsterfolie?

Das hat mir schon immer Bock gemacht. Erstmal einzeln und dann, wenn alles fertig geknickt ist, dreh ich sie.

Am 1. Mai ist deine Release-Show von „Goldjunge“. Erzähl doch mal etwas zum Schaffensprozess und den größten Unterschieden zu „Murmeltier“.

Es ist eine EP, die sehr live-lastig entstanden ist, mit allen Musikern in einem Raum. Bei „Murmeltier“ habe ich alles hintereinander eingespielt – erst die Instrumente und dann die Vocals, danach ist es zum Mischer gegangen. Beim EP-Release hatte ich eine Band dabei und dann habe ich schon Lust bekommen, etwas für das nächste Mal zu verändern. Daher ist auch „Goldjunge“ so live entstanden.

Du hast viel Instrumentalmusik eingesetzt. Was fasziniert dich so an Streichinstrumenten?

 Ich habe früher selbst Cello gespielt und mag das sehr gerne. Es hat sich bei mir aber eher dadurch ergeben, dass ich Leute gefragt habe, die ich mochte, ob sie Bock haben, mit mir zu spielen. Dann sind wir fast zufällig teilweise mit Geige, Cello und Kontrabass aufgetreten. Mittlerweile hat sich das wieder verändert, auf der „Goldjunge“-EP ist keine Geige drauf. Ich mag sonst auch gerne elektronische Sachen, aber für Liann sehr gerne „echte“ Instrumente.

Du hast beschrieben, was dich zum Titel „Goldjunge“ inspiriert hat, nämlich Roger Reckless im Zusammenhang mit Langenscheidts „Jugendwort des Jahres“, als dieser sagte, dass „Hurensohn“ das Jugendwort des Jahres sein sollte. Was inspiriert dich,  abgesehen davon, am meisten beim Schreiben und beim Finden der Titel?

 Erstmal brauche ich einen Text. Beim Texten ist es gar nicht so leicht zu sagen, was einen inspiriert. Manchmal ist es Musik, die ich höre und mir denke „Das klingt geil und ich würde gerne auch so etwas schreiben.“ Ich höre viel englische Musik und gar nicht so viel deutsche Musik. Dann versuche ich, auf irgendein Lied eine Line zu singen, was dazu auch passen könnte. Dann habe ich zwei, drei Wortfetzen, die ich in mein Dokument schreibe und versuche, noch mehr Zeilen dazu zu finden. Oft ist es auch, dass das, was ich irgendwo lese oder höre, zum Initiator wird. Dann verbinde ich das mit Situationen, die ich schon einmal erlebt habe oder überlege, wann es mir einmal ähnlich ging. Wenn der Text fertig ist, habe ich Glück, wenn so ein Wort wie „Goldjunge“ dabei ist, das dann einen guten Songtitel hergibt. Irgendwie ergibt es sich meistens, dass ich ein, zwei besondere Worte unterbringe.

Wenn du selbst sehr viel englische Musik hörst, wie bist du dazu gekommen, auf Deutsch zu singen?

Ich singe auch ab und zu auf Englisch und lerne einfach sehr gerne Lieder. Wenn mir da eins taugt, höre ich es ganz oft, setze mich ans Klavier und lerne es. Ich schreibe auch auf Englisch. In der Zeit, in der ich Peter Fox gehört habe, habe ich angefangen, deutsche Texte zu schreiben. Erst dachte ich, dass ich das gar nicht kann, und ich habe das immer noch, dass es mir ein paar Stunden lang gefällt und am nächsten Tag mag ich es nicht mehr. Wenn es durch diesen „Filter“ durchpasst und ich es am nächsten Tag immer noch mag, dann ist es gut.

Meinst du, dass es auch daran liegt, dass dir Deutsch als deine Muttersprache näher ist und die emotionale Entfernung, die man zu einer fremden Sprache hat, nicht gegeben ist?

Ja, das auf jeden Fall, das ist ziemlich sicher so.

Wie bewertest du die Entwicklungen in der deutschen Musiklandschaft und die Möglichkeiten zu einer politischen Positionierung?

Für mich selbst ist es schwierig, weil ich nicht in einer Position bin, mich zu positionieren, da man mich noch nicht kennt. Wenn man von Deutsch-Pop spricht, gefällt mir da ziemlich wenig. Es gibt viel, das austauschbar ist und das ist auch die Kritik, die man oft hört, welche ich sehr gut verstehen kann. Meinen Zugang zu solchen Songs habe ich allerdings durch den Gitarrenunterricht, den ich Kindern gebe, gefunden. Wenn mir ein 8-Jähriger so ein Lied vorsingt, finde ich das unglaublich schön und das klingt dann auch nicht doof. Musik und Politik finde ich sehr spannend, habe mich da bisher aber zurückgehalten. Ein politisches Lied habe ich, das ich aber noch nicht oft gespielt habe, da es sehr explizit ist. Ich würde mich nicht zum Tagesgeschehen äußern wollen, da es dann schnell kabarettistisch wird, aber Botschaften sind wichtig.

 

 

In deinen Texten bist du sehr poetisch. Welches sind deine drei Lieblingspoeten, die dich inspirieren?

Ich mag Gedichte gern, aber ich lese aktiv nicht viele Gedichte. Nennen möchte ich Rainer Maria Rilke, Erich Fried und Günter Nehm. Günter Nehm macht viel Quatsch, er hat viele Schüttelreime und Sprachspielereien und zu ihm habe ich einen persönlichen Bezug, weil mein Opa ihn so mochte. Wer mich aber auch musikalisch inspiriert, sind Peter Fox und Blumentopf. Wenn man sich meine Strophen anschaut, merkt man das. Für mich ist der Flow wichtig. Merkst du das?

Als du Roger Reckless tatsächlich erwähnt hast, hat man Blumentopf-Einflüsse gehört. Bei dir habe ich aber eher das Gefühl, dass man reflektiert und ich höre da ein großes Ganzes. Du singst in deinen Texten davon, Menschen zu vermissen. Was ist für dich die Essenz vom Vermissen?

 Für mich ist es ein wahnsinnig starkes Gefühl, ein bisschen wie Entzug. Dieses Gefühl schlägt so aus und dockt an verschiedene Sachen deiner Umwelt an. Manchmal vermisst man auch einfach die Zeit oder Geborgenheit, die man mit der Person verbunden hat.

Das merkt man auch in deinen Texten: Du drückst nicht auf die Tränendrüse, sondern sagst, wie es ist und machst dich damit angreifbar.

Das finde ich cool, dass du das sagst, weil es für mich ein wichtiges Spannungsfeld ist. Ich mag es, wenn sich Menschen angreifbar machen. Ich mag es nicht, wenn diese Emotionalität es zum Selbstzweck wird. Diesen schmalen Grat versuche ich, zu finden. Ich selbst habe auch nicht immer Lust auf Intimität und sehr oft einfach Bock auf gute Laune. Am 1. Mai spielen wir in voller Besetzung und das wird auf jeden Fall lustig. Aber ich finde es auch wichtig, ruhige Momente zu haben.

Wie würdest du München als Musik- und Konzertstadt bewerten?

 Die Stadt hat auf jeden Fall ein paar coole Hallen. Mir gefällt die Muffathalle am besten, da dort auch sehr geile Bands hinkommen. Das Milla ist sehr schön, ebenso das Strøm, wofür man wirklich dankbar sein kann. Es gibt Leute, die München darum beneiden. Wenn man München mit Berlin vergleicht, kommt man natürlich nicht weiter. Ich habe auch das Gefühl, dass sich in der Münchner Szene Einiges tut – z. B. auch, was Puls und Julia Viechtl machen.

Wenn du in der U-Bahn bist, wie ist es dann, die Screens mit deiner Werbung zu sehen?

Ich habe die Werbung bisher nie gesehen und vorgestern gleich fünf Mal. Da dachte ich mir schon so „Oida!“ Es war großes Glück, dass wir da die Empfehlung bekommen haben. Jetzt flimmere ich da manchmal drüber und das ist auch schon sehr surreal. Man kann auch die Tragweite nicht so ganz abschätzen.

 Am 1. Mai ist erstmal EP-Release. Was ist danach geplant?

Ich habe erstmal ein paar Auftritte, aber auch große Lust zu schreiben, das habe ich jetzt länger nicht mehr getan, weil ich mit so vielen anderen Dingen beschäftigt war. Ich habe noch so viele andere Dinge im Kopf, die passieren müssen.

(A.E.)

foto: ©heike bogenberger