Max Giesinger im Interview – Musik ist für mich Lebensstudium

Welches sind deine Lieblingssongs deines neuen Albums und welche sagen am meisten aus? 

Max Giesinger: Am meisten sagt „Blutsbrüder“ aus. Da geht es um eine Freundschaft, die sich im Laufe der Jahre komplett auseinander entwickelt und dass ein Freund wie ein Bruder für einen war und irgendwann zu einem Fremden wird. Man sitzt sich gegenüber und weiß nicht, was man sich zu sagen hat, schweigt sich an, was dann unangenehm ist. Aber der Song zeigt eben auch auf, dass es weitergeht und man sich weiterentwickelt. Es geht dann deswegen auseinander, weil einem Sachen am Anderen missfallen oder dass man sich extrem verändert hat, auseinander driftet, weil man andere Leute getroffen hat. Das ist traurig und es geht vielen Menschen so, daher denke ich, dass ich da für viele spreche. 

Fällt es dir dahingehend leicht, loszulassen? 

Max Giesinger: Wenn ich merke, dass es ein Mensch ist, der mich nicht mehr unterstützt, bin ich der Meinung, dass man solche Menschen nicht mehr länger im Freundeskreis haben sollte, vor allem nicht, wenn sie einem nicht mehr gut tun. Zwischen 20 und 30 entstehen meiner Meinung nach die Freundschaften, die für’s Leben halten. 

Was ist für dich das Wichtigste in einer Freundschaft? 

Max Giesinger: Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Humor. 

Welche musikalischen Vorbilder prägen dich? 

Max Giesinger: Deutsche eher weniger. Das ist ganz komisch bei mir: Ich höre sehr wenig deutsche Musik, mache aber deutsche Musik. Ich höre viel Singer-Songwritermusik. Angus und Julia Stone, Bon Iver, Biffy Clyro und Foo Fighters. 

Wenn du an deine Schaffensphase, vor allem auch während der Aufnahmen für das Album denkst: Was ist dir schwer gefallen? 

Max Giesinger: Wichtig war vor allem, dranzubleiben, wenn es mir schlecht ging. Da hat mir vor allem mein Umfeld geholfen und mir haben die Leute gesagt „Max, Arsch hoch. Weitermachen und lass dich nicht runterziehen.“ Es ist ganz oft so, dass irgendwelche Sachen anstehen und man freut sich sehr drauf und dann wird man enttäuscht. Aber da lernt man, mit umzugehen und seine Erwartungen herunterzuschrauben. 

Wie stehst du zum Eurovision Songcontest und der diesjährigen Debatte? 

Max Giesinger: Ich finde es total geil, dass Conchita Wurst gewonnen hat. Vor allem, weil das früher nie möglich gewesen ist und da finde ich die Toleranz sehr gut. Das ist schon eine gute Tendenz, die sich da abzeichnet. Der Song war gut und eine potentielle Gewinnernummer. Song und Aussehen haben gepasst. Es gibt eben auch kaum einen Musikcontest, der von mehr Leuten verfolgt wird. 

Wenn du an die Marketingstrategien im Musikbusiness denkst – wie ordnest du dich da selbst ein? 

Max Giesinger: Ich versuche, ich selbst zu sein und zu bleiben, so gut es geht. Natürlich schaut man, dass auf dem Album auch ein paar airplaytaugliche Nummern sind und somit kann man sich beim Rest des Albums austoben. Aber als Indie-Künstler sehe ich mich nicht, es ist schon eher Pop. Aber damit bin ich in den letzten Jahren gut gefahren. 

Welche Träume und Visionen hattest du, als du „laufen gelernt hast“ bzw. erwachsen geworden bist? 

Max Giesinger: Ich habe immer den großen Traum gehabt, auf Tour zu gehen, das war für mich immer das Non plus ultra. Ich kann mich daran erinnern, dass ich mit 15 die erste Band hatte, die sich auch nach Band angehört hat. Ich hab zu einem Kumpel gesagt, wie geil das wäre, wenn wir ein Mal in der Woche oder ein Mal im Monat einen Auftritt hätten. Damals gab es nichts Größeres für uns als die Vorstellung, auf der Bühne zu stehen. Da waren ein, zwei Auftritte in der Woche schon das Größte und ich habe mich schon montags drauf gefreut. Und dann natürlich, ein eigenes Album mit eigener Musik in den Händen zu halten und vor allem den Step zu machen, von dieser Musik zu leben. Jetzt im September sind wir das fünfte Mal auf Tour. Das ist cool, in Hamburg oder Köln zu spielen und die Leute zu sehen, die die Lieder und Texte kennen. 

Was ist Musik für dich? 

Max Giesinger: Die einzige Sache, in der ich genügend Talent habe, Geld zu verdienen. Meine ganze Existenz hängt daran. Ich würde mir die Kugel geben, wenn ich etwas Anderes machen müsste. Die Musik hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin. Sie hat mich vor allem menschlich weitergebracht und man lernt so viele tolle Menschen kennen. Ich habe auch kein Studium vermisst, da ich durch das, was ich mache, viel gelernt habe. Im Prinzip war und ist Musik für mich ein Lebensstudium, bei dem man so viel mitbekommt und lernt. 

Jim Morrison hat gesagt „Drugs are a bet with your mind“. Wie siehst du das? 

Max Giesinger: Ich glaube, dass die größten Songs unter Drogeneinfluss geschrieben wurden. Ich habe gar keine Erfahrung mit Drogen und schreibe dennoch meine Songs. Ich denke, ich habe das Potential und ich kann dieses auch ohne Drogen nutzen. Der Zustand, auch ohne Zwänge und frei zu solchen Songs oder Gedanken kommen kann, finde ich das gut. 

Du hast dich mit deiner Musik selbst verwirklicht. Inwiefern siehst du da eine Verletzlichkeit? 

Max Giesinger: Ich sehe da eine sehr große Verletzlichkeit, weil man alle Karten offen legt. Es sind zu 90 Prozent Geschichten aus meinem Leben. Und wenn man sich den Texten auf meinem Album widmet, weiß man viel über die Person Max Giesinger. 

Du würdest dann auch nie in die Position kommen, jemanden auf der Bühne zu spielen? 

Max Giesinger: Nein. Eigentlich war ich schon immer so auf der Bühne. Gut, früher war ich schon aufgeregter, aber ich mache da keinen Unterschied. Ich könnte das auch gar nicht und kann auch nicht gut schauspielern. Und live kommt das eben auch besser an, wenn die Leute merken, dass das wirklich ich bin. 

Wie gehst du mit Kritik um, auch auf YouTube-Kommentare bezogen? Welches sind deine wunden Punkte? 

Max Giesinger: Als Künstler ist man so, dass wenn man 99 negative Kommentare liest, die anderen vollkommen verblassen. Und es gibt auch Leute, die sich vor den PC hocken und nichts Anderes tun, als Videos im Internet niederzumachen. Aber natürlich nehme auch diese Kritik wahr. Aber wenn mir Leute, die viel Wissen haben, Tipps und auch konstruktive Kritik geben, nehme ich das auf. Ich würde mich schon als kritikfähig bezeichnen. Ein wunder Punkt ist, wenn jemand das Konzert scheiße oder langweilig fand. 

VW-Bus oder Mercedes? 

Max Giesinger: Ich bin mit einem VW-Bus in der Pampa rumgefahren und wir hatten einen Motorschaden. Das hat mich aufgeregt, demnach jetzt eher Mercedes. 

Dann eher den Mercedesmotor im VW-Bus? 

Max Giesinger: Ja, lass uns das so machen. VW mit einem geilen Mercedesmotor. 

Klein-oder Großstadt? 

Max Giesinger: Jetzt in meinem Alter Großstadt, in zehn Jahren Kleinstadt. 

Wald oder Meer? 

Max Giesinger: Das ist komplett stimmungsabhängig. 

Sightseeing oder Strandurlaub? 

Max Giesinger: Sightseeing. 

Wein oder Bier? Kaffee oder Tee? 

Max Giesinger: Bier. Kaffee. 

Nacht oder Tag? 

Max Giesinger: Tag. 

Brief oder E-mail? 

Max Giesinger: E-mail. 

Welche Erwartungen hast du an deine Tour? 

Max Giesinger: Die Wohnzimmer-Tour macht total viel Spaß, ich lerne viele Leute kennen, fahre wild durch die Pampa und habe immer einen coolen Abend. Bei der großen Tour hoffe ich, dass viele Leute kommen. Ich bezweifele auch nicht, dass es cool wird. Danach fällt man natürlich in ein Loch und demnach ist es für mich die größte Zeit im Jahr. 

Vielen Dank für das Interview und viel Spaß bei der Tour.

(A.K.) – ©Foto: Klaus Sahm

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