Im Telefoninterview spricht Michael Schulte über sein neues Album, die Produktion dahinter und auch darüber, warum es wichtig ist, sich weiterzuentwickeln.

Michael, du hast im Anfang Oktober dein neues Album „The Arising“ veröffentlicht, zunächst herzlichen Glückwunsch dafür. Damit hast du für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Wie bewertest du rückblickend den Schaffensprozess? 

Michael Schulte: Vielen Dank. Es waren aufregende zwei Jahre, habe viel Zeit und Kraft in das Album reingesteckt und hatte mein Team die ganze Zeit um mich herum. Letztendlich ist anstrengend gewesen, aber eben auch eine ziemlich gute Arbeit. 

Zu Beginn des Jahres hast du in einem Interview gesagt, dass sich alles nach einem Neuanfang anfühlt und so, als hätte jemand auf einen Reset-Knopf gedrückt. Was war für dich ausschlaggebend, neu anzufangen? 

Michael Schulte: Ein richtiger Neuanfang ist es natürlich nicht, aber es ist ein Punkt der Neuentstehung sein, vor allem ist es aber ein Punkt, an dem ich mich zum ersten Mal angekommen fühle und weiß, was ich musikalisch machen möchte. Mein erstes Album war schon ok, aber wir haben uns dafür nicht viel Zeit gelassen. Jetzt habe ich mich in den letzten zwei Jahren viel inspirieren lassen und vor allem, welchen Musikstil ich fahren möchte. 

Du sprichst an, dass du deinen Stil gefunden hast. Wie darf denn Michael Schulte klingen und wie nicht? 

Michael Schulte: Ich mag es sehr, wenn eine Platte Ecken und Kanten hat, nicht alles glatt ist. Ich mag es auch, wenn eine Produktion lebt. Das haben wir auch bei unserer Produktion viele Details eingearbeitet und einen sehr warmen Sound gefunden. Die Texte sollen vor allem authentisch sein. Der Sound soll echt und unverfälscht sein. 

Deine Texte sind sehr persönlich und auch melancholisch. Was macht für dich die Faszination der Melancholie aus? 

Michael Schulte: Ja, das stimmt. Ich bin ein melancholischer Typ und ich höre auch fast ausschließlich ruhige Musik, bei der man nicht gerade super fröhlich ist. Ich mag James Blake und Ben Howard. Vor allem das Album von London Grammar hat es mir angetan, weil es geschmackvoll und nicht überproduziert ist. Genau das ist es, was ich auch bei mir mit einfließen lassen möchte. 

Du sprichst es mit geschmackvoll schon an: Was bedeutet für dich Ästhetik in der Musik? 

Michael Schulte: Wenn ich im Auto sitze und Radio sitze, dann sitze ich im Auto und höre Radio. Das ist aber nichts, was meins ist. Das sind Songs zum Anhören für nebenbei, da es Songs sind, die teilweise sehr glatt produziert sind. Ich mag es, wenn der Gesang gut aufgenommen und nicht überproduziert ist. Ich habe in das neue Album von Ben Howard reingehört und da fällt auf, dass es stimmlich sehr gut ist, es ist viel Platz für die Instrumente und wie alles miteinander synthetisiert – so stelle ich mir die Ästhetik in der Musik vor.

Ich glaube, dass wir das bei „The Arising“ auch sehr, sehr gut hinbekommen haben. 

Du hast gesagt, dass es für dich einfacher ist, Songs für andere zu schreiben, vor allem auch, weil du dann nicht darüber nachdenken musst, wie persönlich es werden soll. Wie wäre es für dich, zugeschnittene Songs von jemandem zu bekommen, welche du performen müsstest? 

Michael Schulte: Das funktioniert nicht und das mache ich auch nicht. Ich möchte, dass die Songs, die auf meinem Album sind, meine eigenen sind. Zusätzlich ist es so, dass wenn ich auf der Bühne stehe, Songs habe, deren Geschichte ich kenne – Sachen, die ich selbst erlebt habe und die ich fühle.

Ich denke, dass das auch ausschlaggebend dafür ist, ein erfolgreicher Musiker zu sein, dass es echt ist, was man macht. Das spüren die Leute sofort. Es funktioniert vielleicht im Pop- oder RnB-Bereich, was auch okay ist, aber in dem Musikbereich, in dem wir uns bewegen, geht das nicht. 

Wenn es einen Preis gäbe, der dir für deine Musik verliehen werden würde: Für was würdest du ihn bekommen? 

Michael Schulte: Das ist eine schwierige Frage. Ich würde natürlich gerne einen Echo bekommen. Aber vielleicht für die Vocals oder die Vocal-Arbeit. Ich habe alle Chöre, Haupt-und Zweitstimmen selbst eingesungen. Das ist natürlich eine Heidenarbeit, aber es war auch wirklich sehr, sehr kreativ. Bei „Take It All Away“ haben wir einen zehnstimmigen Chor, teilweise mit klassischen Stimmen, die ich gesungen hab. Vielleicht würde ich dafür einen Preis bekommen. Oder für das Gesamtwerk „The Arising“. 

Wie triffst du deine musikalischen Entscheidungen? 

Michael Schulte: Es ist eine Mischung. Prinzipiell nach Gefühl, aber es wird auch viel nachgedacht, gerade was die Texte angeht. Auch zu hören im Song „Thoughts“, der das Thema der wirren Gedankenwelt, die ich sehr stark habe, anspricht. Es gibt aber auch Menschen, die sehr wenig nachdenken und handeln, was ich stark bewundere.

Auch bei dem Song habe ich sehr viel nachgedacht und dadurch kommen auch viele Emotionen auf. 

An welchem Punkt ist ein Song für dich gut und fertig? 

Michael Schulte: Einerseits ist das für mich die Geschichte dahinter und dass der Text gut zur Melodie passt. Da muss man teilweise schon viel herumjonglieren, bis es zusammen funktioniert. Es sind mehrere Steps, die man durchlaufen muss – bei mir waren es jetzt zwei Jahre Arbeit, bis alles fertig war. 

Wodurch zeichnet sich die Vielschichtigkeit bei „The Arising“ aus? 

Michael Schulte: Es ist viel Abwechslung auf dem Album – schnellere Songs, die episch sind oder auch welche, die klein bleiben. Dann wieder melancholische oder auch traurige Songs, wo dennoch ein roter Faden erkennbar ist. Ich mag es, wenn etwas auf dem Album passiert.

Wenn du an deine persönliche musikalische Zukunft denkst: Vor welchen Dingen hast du Angst? 

Michael Schulte: Angst ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber es ist dennoch ein sehr unstetes Leben, denn du weißt nicht, was in fünf Jahren ist. Du weißt nicht, ob du dann noch von der Musik leben kannst oder ob die Leute noch auf deine Konzerte kommen. Da kommen Fragen auf: Wie schaut es mit dem Team aus, wie mit der Produktion? Angst ist da nicht, aber man schaut schon ein Stück nach vorne und versucht, einen Plan zu machen.

Auf der anderen Seite bin ich auch ein Mensch, der gerne im Jetzt lebt und es kommt so, wie es kommen muss.

Du sprichst dein Team an. Was sind da die wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit?

Michael Schulte: Am wichtigsten ist, dass alle Spaß an der Sache haben und Sympathie vorhanden ist. Bei uns ist das beim Label und mit dem Management gegeben. Wir arbeiten schon auch lange zusammen. Mit dem Produktionsteam ist es ebenfalls so und da bin ich sehr dankbar für, vor allem weil da auch viel Ehrgeiz entwickelt wurde.  

Du gehst jetzt auf Tour, aber welche Pläne hast du für 2015? 

Michael Schulte: Zunächst freue ich mich, wenn die Leute auf meine Tour kommen. Ich weiß, dass der Neuanfang vom nächsten Album gar nicht mehr so weit entfernt ist. Ich versuche, das auch ein bisschen wegzuschieben, aber da ist eben auch das Wissen darum, dass wenn die Tour vorbei ist, ein weiteres Album ansteht. Darauf freue ich mich auch schon: Mich neu finden, schauen, wie ich das nächste Album gestalte – stilistisch und soundtechnisch oder auch kleine Elemente, die ich noch mit einbaue.  

Weiterentwicklung auf jeder Ebene. 

Michael Schulte: Ja, auf jeden Fall. Weiterentwicklung muss sein, ich hasse Stillstand. Ich möchte nicht, dass das nächste Album so ist wie das jetzige. Natürlich soll es keine komplette Drehung zum aktuellen Album werden, aber nochmal das Gleiche zu machen, ist nicht sinnvoll. Ich möchte mich ausprobieren, weiterentwickeln und mich weiter inspirieren lassen, auch von anderen Künstlern. Aber jetzt versuche ich, den Moment zu genießen.  

Vielen Dank für das Interview.

(A.E.)