Revolverheld im Interview – „Man kann musikalisch nie fertig sein“

Im Telefoninterview spricht der Schlagzeuger von Revolverheld, Jakob Sinn, über die Veränderungen in der Band, ihre Unplugged-Auftritte, soziale Projekte und über die Wichtigkeit von politischen Positionierungen.

 Zunächst vielen Dank für deine Zeit und herzlichen Glückwunsch zum Album, zur Unplugged-Tour, zum Echo und natürlich dem MTV-Unplugged-Auftritt.  Welche Unterschiede waren für euch musikalisch bedeutsam und welche Bedeutung haben das Album und die Unplugged-Auftritte für euer weiteres Schaffen?

Jakob Sinn: Für uns war es tatsächlich etwas ganz, ganz Besonderes; wir sind ja in den 90ern groß geworden mit den legendären Unplugged-Platten von Nirvana, Eric Clapton usw. Als dann die Anfrage kam, ob wir das nicht auch mal machen wollen, haben wir nicht lange gezögert und eine kleine Party gefeiert.

Natürlich ist es etwas Anderes, wenn man 12, 13 Jahre in der gleichen Besetzung unterwegs gewesen ist, und dann die Aufgabe gestellt bekommt, nochmal alles neu zu machen. Wir haben dabei auch mit vielen anderen Instrumenten gearbeitet, das ist eine Herausforderung und ändert die Arbeitsweise. Wir haben uns für Akt 2 und 3 externe Arrangeure mit ins Boot geholt, weil wir neuen Input haben wollten. Man muss sich darauf einstellen, aber nach so einer langen Zeit ist es eine Herausforderung, die man gerne annimmt, und die auch viel Spaß gemacht hat. Jetzt auf der Tour war die Herausforderung, das, was wir aufgenommen haben, in große Arenen zu bringen. Das war sehr spannend.

Inwiefern geht ihr nun anders an euer Publikum heran und ist es intimer geworden?

Jakob Sinn: Es ist schon etwas Anderes, da es nicht mehr die energetische Rockshow, sondern mehr ein netter musikalischer Abend ist. Auch für mich am Schlagzeug ist es nicht mehr so körperlich, sondern filigraner, ich brauche mehr Konzentration, weil die Arrangements über die Jahre schon sehr verinnerlicht sind. Wir haben vorher natürlich schon intimere Konzerte gespielt, aber jetzt hören die Leute mehr zu, es ist viel zu entdecken, nicht zuletzt auch deswegen, weil viele verschiedene Instrumente da sind.

Obwohl es große Arenen gibt, ist es dennoch intimer geworden, ja.

Wie stehst du zu Preisen wie dem Echo und generell Preisen in der Kunstwelt?

Jakob Sinn: Generell mache ich mir nicht so viel aus Preisen. Es ist ja eine Anerkennung der eigenen Arbeit. Dieses Jahr beim Echo fand ich es etwas schade, dass es eigentlich nur um Verkäufe ging. Da gewinnen Bands und Künstler, die etwas fragwürdig sind, und welche innerhalb der Branche nicht wirklich anerkannt sind. Da frage ich mich, ob das unbedingt sein muss. Die Regularien sind jedoch so und dann muss man das akzeptieren. Ich glaube, da wird sich im Laufe der nächsten Jahre etwas verändern, weil der Preis dadurch natürlich nicht die Relevanz hat, die er haben könnte, wenn er reflektierter stattfinden würde.

Stichwort „reflektiert“. In einem Interview hat dein Bandkollege Johannes gesagt, dass die Welt so furchtbar schlecht sei und es an allen Ecken und Enden brenne. Wie siehst du das? Inwiefern muss man sich in der Musik politisch positionieren?

Jakob Sinn: Wir sind keine politische Band, aber politische Menschen, und da hat Johannes schon Recht; gerade geht Vieles in eine komische Richtung und da finde ich, ist es schon unsere Pflicht, hier und da etwas zu sagen. Wenn es unserer Meinung nach in eine falsche Richtung geht, positionieren wir uns. Das haben wir des Öfteren gemacht – allerding sind wir keine Band, die mit erhobenem Zeigefinger ständig auf Missstände hinweist. Wir engagieren uns auch für verschiedene soziale Projekte, zum Beispiel das MuKiDu in Hamburg – das ist ein Projekt, bei dem Kinder aus benachteiligten Stadtteilen Musikunterricht ermöglich wird. Es war uns wichtig etwas zu haben, wo wir auch regelmäßig vorbeischauen und „Hallo“ sagen können.

Weiterhin engagieren wir uns für Sea-Watch, einem  Verein, bei dem Menschen aus Norddeutschland schiffbrüchige Flüchtlinge auf dem Meer retten.

Was hat sich bei euch im Laufe der Jahre musikalisch am meisten verändert?

Jakob Sinn: Wir haben mit 20 angefangen und jetzt sind wir alle Mitte, Ende 30. Man hat jetzt einen anderen Blick auf die Dinge, früher waren wir eher mit dem Kopf durch die Wand. Jetzt sehen wir alles etwas reflektierter, was man auch auf der letzten Platte hört. Wir machen uns schon andere Gedanken als früher. Das Thema Entschleunigung war auch auf dem vorherigen Album sehr zentral – allgemein etwas, das unsere Generation betrifft in Zeiten der Smartphones.

Inwiefern kann man musikalisch „fertig“ sein, gibt es dieses „musikalische Fertig“ deiner Meinung nach?

Jakob Sinn: Nein. Das sind meistens Momentaufnahmen; man kann vielleicht so etwas wie „das bestmögliche Revolverheld-Album“ oder „den bestmöglichen Revolverheld-Moment“, aber ich glaube, dass wenn man sagt, dass man fertig ist, man auch aufhören könnte. Wir entwickeln uns weiter und sind eine Band, die nach rechts und links schaut, und sich von anderen Genres beeinflussen lässt. Ich kann dir nicht sagen, wie das nächste Album klingen wird, aber wir sagen nicht: „Das letzte Album war erfolgreich, lass uns das Selbe nochmal machen.“

Jetzt haben wir über euer Album, eure Tour, Preise und Politik gesprochen. Wo möchtest du nach der Tour gerne (Band-)Urlaub machen?

Jakob Sinn: Nach der Tour werden wir uns eine kleine Auszeit nehmen und verschnaufen, um frisch an Neues heranzugehen, auch Vergangenes Revue passieren zu lassen – es  waren schon intensive Jahre, in denen sehr viel passiert ist. Was ich dann genau machen werde, weiß ich noch nicht; ich bin ein großer Asien-Fan, vielleicht mache ich eine Rucksacktour. Ich freue mich auf den Festival-Sommer, wir sind ja noch ein bisschen unterwegs.

Im November gehen wir nochmal auf Hallen-Tour, darauf freuen wir uns ebenfalls sehr.(A.E.)