LIAM GALLAGHER – Der böse Bruder kehrt zurück

Liam Gallagher live in der TonHalle München

Erinnert sich eigentlich noch jemand an eine Band namens Oasis? Oder sind lediglich verbrauchte Pubklassiker wie „Wonderwall“ und „Don´t Look Back In Anger“ allgegenwärtig („ach von denen ist das?“) auf den Jungesellenabschieden dieser Welt zu hören? Die beiden Zankhähne und gleichzeitig Söhne der selben Eltern sind jedenfalls seit dem Ende der Genremitbegründer aus Manchester mit neuen Bands unterwegs und verwöhnen die einstig gemeinsamen Fans mit immer noch unwiderstehlichen Überbleibseln bzw. besten Songs des einstmals gemeinsamen Schaffens. Damals wie heute wurde ordentlich fieser Brit Pop geboten, welcher so mancher selbsternannten Rockband in Sachen Attitüde mit Leichtigkeit den Rang abläuft.

Der Abend in der bis zum Bersten gefüllten Tonhalle begann wie eine Reise in die Vergangenheit, als die Support Band namens Twisted Wheel die Bühne betrat. Ernst dreinblickend, schritten vier sehr junge Burschen obercool ins Rampenlicht, wobei besonders der Sänger und Rhythmusgitarrist ins Auge stach. So hatte er sich in einen olivgrünen Regenparker gehüllt, diesen bis unters Kinn zugezogen und eine übergroße Sonnenbrille auf der Nase. Dazu ein Topfschnitt als Frisur und fertig war eine – zugegeben recht originalgetreue – Kopie, des später noch zu erwartenden Liam Gallagher. Die Musik des Quartetts war weniger peinlich und tatsächlich konnten die Lads durchaus für Stimmung sorgen.

Später füllte sich der Innenraum der Halle noch einmal zusehends mit allerlei Mods und teilweise recht betrunkenen Männern in Fußballrowdie-Klamotten. Als das Intro in Form eines Manchester City-Fangesangs ertönte, gab es kaum noch ein Halten und die halbvollen Bierbecher flogen im Sekundentakt durch den Saal. Vom Band gab es dann als Intro 2.0. mit „Fucking In Bushes“ sogleich den ersten Oasis-Klassiker, kurze Zeit später betrat Liam Gallagher scheinbar überlebensgroß die Szenerie. Mittlerweile trägt der Mann einen Vollbart, ansonsten war er kaum zu erkennen, da das Bühnenlicht für den Rest des Abends gedimmt blieb und man lediglich die Silhouetten der Akteure erkennen konnte.

Für den Opener hatte man kluger Weise „Rock´n´Roll Star“ gewählt, immerhin ein Song vom ersten Oasis-Album, der auch einen hohen Bekanntheitsgrad besitzt und sofort die gesamte Halle in einen Taumel aus Suff, Grölen und Party versetzte. Nach ein paar Gallaghersongs ging es auch schon weiter mit „Morning Glory“ und „Stand By Me“. Stets ereiferte sich Ex-Oasis Gitarrist Bonehead an seinem Instrument, wenn es galt, die alten Schmonzetten zu zocken.
Dennoch war es alles andere als ein genialer Abend. Liam Gallagher verfehlte so ziemlich jeden Ton, der nicht in seiner Komfortzone lag, das dunkle Licht nervte zusehends und die Stücke aus seinem Solo-Repertoire sind einfach nur farb- und leblos. Sicherlich – der Vergleich mag mittlerweile nerven und wird vermutlich dafür sorgen, dass der Raufbold Liam die kommende Redaktionssitzung aufmischt – dennoch: in Sachen musikalischer Qualität und Finesse im Songwriting wird Liam Gallagher weiterhin im Schatten seines großen Bruders Noel stehen.

Erinnert man sich an dessen letzte Tour mit seinen High Flying Birds, so kann es keine zweite Meinung geben, welcher Konzertabend in wirklich positiver Erinnerung bleiben wird. Schlagartig wurde einem wieder bewusst, warum Oasis praktisch nur auf Platte hörbar waren (allerdings ausnahmslos genial), die meisten Liveauftritte – bis auf wenige Ausnahmen – aber einem miesepetrigen, unhöflichen Habitus des Sängers zum Opfer fielen.

Genau so war es heute, wenn man auch genüsslich an die Neunziger dachte, als „Roll With It“, „Supersonic“, „Champagne Supernova“ und „Cigarettes & Alcohol“ den Abend beschlossen. (ODI)

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