MIT PEARL JAM DURCH EUROPA – Ein Tourbericht

pearl jam tourAmsterdam, 12.06.2018

Nach vier Jahren verschlägt es die ewig tourenden Pioniere des Seattle-Grunge endlich wieder nach Europa. Dass Pearl Jam-Shows nur selten die 3-Stunden-Marke unterschreiten, ist schon Grund genug, der Entourage ein wenig über den Kontinent zu folgen. Insider wissen aber natürlich auch, dass an jedem Abend eine neue Setlist auf der Bühne liegt, welche sich auch spontan noch verändern kann. Mit zehn Studioalben und unzähligen B-Seiten und Rarities (veröffentlicht auf dem monumentalen „Lost Dogs“), hat die Band genügend Material, um abwechslungsreiche Sets zu spielen.
Bereits um 14 Uhr musste man sich heute in eine mehrere hundert Meter lange Schlange einreihen, um die begehrten Tickets auszulösen. Wie immer traf man auf bekannte Gesichter aus der ganzen Welt. Da kramte ein Mexikaner, welchen man vor vier Jahren bereits in Oslo gesehen hat, seinen Reisepass hervor, eine Minute später sagte ein Kanadier „Hi“, der einem in St. Louis einst ein überschüssiges Ticket abgenommen hatte. Pearl Jam-Fans sind unerschütterlich treu und reisefreudig.
Abends kehrten wir zurück in den Ziggo Dome. Eine fast brandneue Veranstaltungshalle, die 2012 eingeweiht wurde. Das zweite und dritte Konzert gaben damals übrigens Pearl Jam. Natürlich ist die Halle ausgestattet mit dem besten Sound, kein einziger Platz bietet eine schlechte Sicht auf die Bühne.
Um 20:30 wurden alle Lichter im Saal hell erleuchtet, ein sichtlich gut gelaunter Eddie Vedder schlenderte als Erster auf die Bühne. Dann folgte der Rest der Band. Ohne großen Paukenschlag begutachteten die sechs Männer zunächst das Publikum, dann folgte eine kurze Einleitung, welche Vedder auf Holländisch von einem Zettel ablas. Diesen Bandraumcharakter, den auch Bruce Springsteen auf die Bühne bringt, liebe ich sehr. Man hat das Gefühl, es stehen noch Menschen aus Fleisch und Blut vor einem.
Die Show bot heute keine Überraschungen. Angefangen von „Long Road“, über „Even Flow“, „Do The Evolution“, „Betterman“, „Jeremy“ und in den Zugaben „Alive“ und „Indifference“, war wenig Platz für Außergewöhnliches. Am nächsten Abend sollte die Band an gleicher Stelle eine, vom Mainstream unbeeinflusste, Show spielen.
Aber auch das Publikum hinterließ nicht den besten Eindruck. Es kam keine wirklich gute Stimmung auf. Zu verwöhnt ist man nach diversen Shows in Italien und Südamerika, wo jede Textzeile inbrünstig und mit gewaltiger Stimmkraft vom Publikum intoniert wird.
Ein wenig enttäuscht war man schon, als ein relativ unspektakulärer Tourauftakt nach gerade einmal zweieinhalb Stunden und nur einem Zugabenblock beendet war.

Padova, 24.06.2018

Ganz offensichtlich wissen die Herren Vedder, McCready, Gossard, Ament und Cameron um die besonders hohe Qualität des Italienischen Konzertbesuchers. Zumindest lässt es sich aus dem Routing einer jeden Europatour in der Vergangenheit schließen: der Stiefel war immer mit mehreren Stationen beteiligt. Während der sehr ausgedehnten Tour anno 2006 wurde sogar der Konzertfilm „Picture In A Frame“ mit dem Footage des südeuropäischen Tour-Legs veröffentlicht.
Heuer gab sich die Band bei einem Festival in Mailand die Ehre, zwei Tage später dann die erste Headliner-Show im Stadio Euganeo zu Padova. Vor dem, leider viel zu weitläufigen, Stadion herrschte bereits am Nachmittag beste Stimmung unter den Besuchern. In den Auslagen dutzender Foodtrucks wurden die leckersten Panini, Focaccia und Biere feilgeboten.
Im Inneren sorgte die Toilettensituation wie so oft für Hektik. Lediglich im hinteren Bereich der Arena waren ein paar mobile Plastikhäuschen aufgestellt worden, die Warteschlange war enorm. Mit einer Verspätung [EA1] von rund 30 Minuten begann dann das heutige Set. Relativ untypisch gestaltete sich die Setlist, denn nach dem gewohnt geschmeidig/düsteren Opener (heute: „Pendulum“) verzichtete die Band auf viele der ganz großen Hits und versuchte sich an „God´s Dice“, „Down“ oder „Inside Job“. Für einen Fan alles wunderbar. Die Italienischen Sangeskünste zu „Jeremy“ oder „Yellow Ledbetter“ vermisste man dennoch. Besonders hervorstechen konnte die heutige Version von „Betterman“. Ganz ohne überlange Extension in das Cover „Save It For Later“ kommt die Nummer fast noch besser.
Am Ende des Abends wurde man mit „Rearviewmirror“, „Alive“ und dem bestens bekannten Neil Young-Song „Rockin´ In The Free World“ vor die Tore des Stadio Euganeo gesetzt und konnte sich nun endlich all den Panini, Focaccia und dem Bier in den Auslagen der Foodtrucks widmen.

Rom, 26.06.2018

Nach 25 Jahren kamen Pearl Jam nun das erste Mal zurück nach Rom. Reichlich ambitioniert schien das Vorhaben, das gigantische Olympiastadion auszuverkaufen, was letztlich nicht ganz gelingen konnte. Heute wurde die Bühne gegenüber der Haupttribüne errichtet, was einen nicht sehr weitläufigen Arenabereich und eine gewisse Nähe zu den Sitzplätzen ermöglichte.
Überhaupt ist der Bühnenaufbau auf dieser Tour sehr gelungen: auf ein übergroßes Backdrop wurde verzichtet, dafür ziert eine Schrottplatzkulisse dezent den hinteren Bereich. Von der Decke hängen illuminierte Kugeln, was eine heimelige Wohnzimmeratmosphäre schafft. Ansonsten wird auf einen cleveren Einsatz von Leuchtmitteln und eine riesige Diskokugel gesetzt. Man kann also fast von einer inszenierten Bühnenshow sprechen.
Der Halbzeitpfiff des auf den Videoleinwänden übertragenen WM-Spieles wurde genutzt, um die heutige Marathon-Show mit „Release“ einzuläuten. Die Band war bestens gelaunt, auch wenn Eddie Vedder aufgrund seiner Stimmprobleme, welchen das zweite Konzert in London bereits zum Opfer gefallen war, oftmals auf die Gesangsqualitäten des italienischen Publikums zurückgriff. Zwischendurch erhielt sogar Schlagzeuger Matt Cameron den Auftrag, einen Song zu besingen, was er mit dem Kiss-Cover „Black Diamond“ auch vorzüglich tat.
Über dreieinhalb Stunden und sechsunddreißig Lieder umfasste der heutige Abend. Besondere Höhepunkte waren hierbei tolle Versionen von „Comfortably Numb“, „Imagine“ und „Immortality“. Die Band bedankte sich mit diesem Konzert aufs Anständigste bei ihren italienischen Anhängern. Mille Grazie!

Berlin, 05.07.2018

Eine weniger gute, aber mittlerweile alte Tradition in Bezug auf Deutschland-Tourneen dieser Band bestimmt die Regel, dass praktisch nur in Berlin Halt gemacht wird. Dafür aber mit einer Vehemenz, die gleichzeitig auch den Grund liefert: Pearl Jam-Konzerte in der Hauptstadt sind garantiert immer geil. Die geographische Lage dient als Einzugsgebiet für eine Entourage aus Skandinavien, Osteuropa, Restdeutschland und den USA sowieso.
Mit einer Tradition haben die sechs Männer aus Seattle heuer allerdings gebrochen. Wurden die Sommer-Konzerte (bis auf eine Ausnahme im Jahr 2012, als man zwei Auftritte in der O2 Arena absolvierte) bis dato immer in der Wulheide ausgetragen, so wählte man dieses Jahr das größere Pendant im Westen. Für die Waldbühne können 22.000 Tickets verkauft werden, welche auch in rasantem Tempo über die Theke gingen. Damit war das Amphitheater natürlich restlos ausverkauft.
Mit einer dezenten, einstündigen Verspätung ertönten die zarten Pianoakkorde zum Intro „Metamorphosis Two“, das eigentliche Set begann unerwartet mit dem Non-Album-Track „Wash“. Die Menge feierte schon jetzt frenetisch, denn ein unkonventioneller Opener verspricht eine unkonventionelle Setlist. Und tatsächlich wurden nur selten live aufgeführte Titel wie „Save You“, „In My Tree“, „Habit“ oder „Thumbing My Way“ von den allseits beliebten Klassikern flankiert.
Die Band bot heute ein ausgewogenes Kontrastprogramm aus Mid-Tempo-Stücken und kraftvollen Songs aus der Grunge-Ära. Das Publikum trug Stone Gossard und Co. auf einer Welle der Euphorie durch ein 2 ½ stündiges Set, welches fast komplett im Tageslicht stattfand. Hartnäckig hielt sich die Sonne am Himmel. Den Höhepunkt bildeten an diesem Abend „Black“ und „Why Go“, bei welchem hunderte von Biertransportboxen aus Pappe, in einer spontanen Choreografie durch die Luft flogen. Klares Highlight der bisherigen Tour!

EXKURS ZUM MADCOOL-FESTIVAL

Das MadCool 2018 lockte 80.000 Menschen in die Nähe des Flughafens zu Madrid. Das Line-Up las sich wie ein Auszug aus der Bestenliste aktueller und vergangener Lieblingsbands: Pearl Jam, Alice In Chains, Nine Inch Nails, Jack Johnson, Jet, Rival Sons, Depeche Mode, Massive Attack, Fleet Foxes, Jack White, Kasabian, MGMT, Eels Arctic Monkeys, Franz Ferdidand, Queens Of The Stone Age und, und, und. Der Drei-Tages-Pass war mit schlanken 150 Europäern beinahe ein Geschenk und damit das Festival natürlich schnell ausverkauft.
Drei Tage herrliches Wetter wurden am ersten Abend allerdings von sehr maroden Praktiken am Ausgang der Metro leicht überschattet. Während die Fleet Foxes ihr neues Album und ihre neuen Kurzhaarfrisuren mit einem relativ unterkühlten Set auf der Mainstage präsentierten, wurde vor den Einlasstoren das überforderte Sicherheitspersonal von wütenden Festivalbesuchern mit Absperrgittern beworfen. Bis zu zwei Stunden mussten die Besucher darauf warten, endlich ein Festivalband gegen das Online-Ticket eintauschen zu können. Offensichtlich mussten bereits an der Metrostation sämtliche Getränke abgegeben werden, während die Nachmittagssonne erbarmungslos auf die Menge hinunterbrannte.
Tame Impala sorgten zwischenzeitlich ob ihrer farbenfrohen Lightshow für viele „Aahs“ und „Oohs“; als Pearl Jam dann die Bühne betraten, hatten sich 70.000 Menschen vor dieser eingefunden. Das Set bestand heute aus einer soliden und für ein Festival genau richtigen Auswahl, wobei der neue Track „Deny Me“ leicht unter den Erwartungen blieb. Der Zugabenblock wurde mit „Just Breath“ leise eingeläutet und schwoll dezent über „Black“, „State Of Love And Trust“ zu „Rearviewmirror“ und „Alive“ zu einem Monster aus Energie und Lautstärke an. Schöner konnte dieser Tag nicht beendet werden, als mit der All-Together-Hymne „Rockin´ In The Free World“. Ein wenig schwermütig nach der nun beendeten Pearl Jam-Europa-Tour bestaunte man noch die souverän abliefernden Kasabian auf der Second Stage. Eine erste Fesival-Nacht endete gegen fünf Uhr früh in der Madrider Innenstadt.
Der zweite Tag wurde im Vorfeld oft als der Schwächste bezeichnet, was gemessen an dem überragenden Auftritt Jack Whites eine Farce ist. Auf einige der White Stripes-Evergreens hätte man gut und gerne verzichten können, strotzt der Katalog des Mannes doch auch ohne Zuhilfenahme von „Seven Nation Army“ vor hörenswertem Liedgut. Später sorgten Alice In Chains für schlechte Laune vor der Bühne: Nicht, weil sie ein schlechtes Konzert gespielt hätten, im Gegenteil, die traurigen Geschichten erzählten Jerry Cantrell und Layne Staley-Nachfolger William DuVall einfach so überzeugend und effektvoll, dass die Wirkung der Songs nicht im warmen, spanischen Himmel verflog.[EA2]
Spät in der Nacht machte sich erneut Unmut bei den Festival-Besuchern breit, als nach einer Stunde des Wartens bekannt gegeben wurde, dass Massive Attack ihren Auftritt kurzfristig abgesagt hatten. Gerüchten zufolge hatte sich die Band darüber beklagt, dass die Geräuschkulisse, welche von den anderen, ebenfalls bespielten Bühnen zu stark gewesen sei. Sollte diese Begründung der Wahrheit entsprechen, hätten sich die britischen Trip-Hopper nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Den Abend rundeten dafür die Bloody Beetroots aus Italien mit sehr tanzbaren DJ-Vibes ab.
Am dritten und letzten Festival-Tag wurde so manches Highlight aus dem Köcher des Booking-Teams gezogen. Bei immer noch 30 Grad Celsius schunkelte die Meute zu Jack Johnsons Sommermusik. Tracks wie „Flake“, „Better Together“ und „Bubble Toes“ verfehlten ihr Ziel nicht und machten einfach gute Laune. Kurz darauf führte Josh Homme den Reigen um die Queens Of The Stone Age auf die Mainstage. Gewohnt gekonnt präsentierte sich der Rotschopf in seiner mal höchst arroganten und dann wieder sehr einfühlsamen Art. Neben allen Klassikern („No One Knows“, „A Song For The Dead“, „Go With The Flow“, „Burn The Witch“), gab es natürlich auch neueres Material von den beiden letzten Studioalben („If I Had A Tail“, das geniale „My God Is The Sun“, „The Way You Used To Do“) voll auf die Zwölf. Da blieben keine Wünsche offen. Vorzüglich ging es ohne Pause weiter. Als nächstes traten Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher aka Depeche Mode auf die Bühne. Anders als auf der letztjährigen Tour blieb man bei den Originalfassungen der klassischen Songs wie „Personal Jesus“, „Never Let Me Down Again“ und „Enjoy The Silence“ und beendete die mit Abstand beste Bühnenshow des gesamten Festivals mit „Just Can´t Get Enough“.
Von den parallel spielenden Rival Sons konnten die vor der Koko-Stage versammelten Besucher ebenfalls nicht genug bekommen. Es gibt viele gute Live-Bands, diese hier ist eine der besten! Sänger Jay Buchanan klingt fast so, als käme seine Stimme vom Band. Seine subtilen Bewegungen auf der Bühne lassen einen teils erschauern, teils mit ihm leiden. Selten hat man sich so sehr noch ein weiteres und noch ein weiteres und noch ein weiteres Lied von einer Live-Band gewünscht. Grandioser, handgemachter Rock´n´Roll! Nachdem Depeche Mode derweil das große Publikum ausgelaugt hatten, wurde zu einem letzten Höhepunkt gebeten. Ehrfurcht gebietend sahen sich noch immer etwa 40.000 Menschen einer Wall Of Sound gegenüber, welche von der Mainstage auf sie niederschlug. Elektronische Beats, mächtige Gitarren, peitschende Drums und im Zentrum dieses Urknalls Trent Reznor, der wie ein wild gewordener Prediger die Arme in Richtung Himmel reckte und seine Nine Inch Nails zum Abgrund des Wahnsinns führte. „March Of The Pigs“, „Piggy“, „Hurt“. Man möchte Mister Reznor für jeden gespielten Song eine Ehrenmedaille überreichen. Und eine zweite für die Art und Weise, wie sie live vorgetragen wirken. Wenn man auf der Suche nach der musikalischen Live-Superlative ist, dann wird man mit NIN sicher fündig werden. Dieser Energie kann man sich – wenn überhaupt – nur sehr schwer entziehen. Nach diesem Auftritt konnte nichts Nennenswertes folgen, die Reihen auf dem Gelände lichteten sich zusehends rasch und ein tolles Festival fand sein Ende.(ODI)

Anzeige