PETER DOHERTY – Die ungeschönte Wahrheit

Peter Doherty
Foto: ODI

Ein Phänomen eines guten Konzertes mit Beteiligung des, mittlerweile in die Jahre gekommenen Peter Doherty ist, dass im Mittelpunkt weniger die musikalische Finesse und die wirklich brutal guten Songs stehen, als vielmehr der Voyeurismus der Zuschauer. Begierig scheinen die Massen auf einen weiteren Skandal oder einen öffentlichen Fehltritt des Mannes zu warten. Sogar eine kurzfristige Konzertabsage bei gut gefüllter Hütte scheint im Bereich des Tolerierbaren zu sein.
Zu diesem Zwecke betrat ein degeneriert wirkender Doherty unvermittelt die Bühne. Kein Intro, Keine gedämpften Scheinwerfer, einfach so. Das war eigentlich schon ganz sexy. Als dann zu den ersten drei Songs ein ausgewachsener Husky über die Bühne gescheucht wurde, kamen aber nicht nur Tierschützern erste Zweifel über die Notwendigkeit dieser Aktion. Die körperliche Verfassung des Ex-Babyshambles-Kopfes und Ex-Libertines wurde mit jedem Schluck Bier zusehends schlechter. Immerhin: mag man den Zustand Peter Doherty´s als angeheitert bezeichnen, wäre wohl jeder anwesende Konzertbesucher bei ähnlichem Alkoholkonsum lange unter dem Tresen gelegen.

Das Ergebnis war ebenso wenig überraschend wie die Reaktion der Zuschauer. Doherty vergriff sich bei jedem zweiten Akkord, schlug die Seiten dezent außerhalb eines jeden Taktes an und konnte keinen geraden Satz ins Mikro bellen. Seine Band und nicht zuletzt die etwas mehr als halbvolle Halle feierten und liebten ihn aber scheinbar genau dafür. Dabei war der gesamte Habitus  ein bemitleidenswerter Anblick. So streifte sich der Sänger nach kurzer Zeit den langen Mantel ab und brachte einen unförmigen, verbrauchten Oberkörper zum Vorschein. Er torkelte und verstummte und irgendwann dirigierte er sein Publikum zu einem Singalong auf Deutsch („es tut mir leid“). Es schien gerade so, als sei sich Doherty durchaus darüber im Klaren, dass er all sein Talent verheizt und das ihm diese Tatsache Herzschmerz bereite. Das er doch eigentlich ein netter Kerl ist, der aber einfach nicht aus seiner Haut kann.

Wenn man an den immer noch glasklar intonierten Gesang denkt, dann läuft es einem eiskalt über den Rücken. Ein großer Künstler und überragender Songwriter wird für sein Versagen gefeiert. Das ist wohl die hässliche, nackte Wahrheit und besorgniserregender Zustand der aktuellen Unterhaltungsbranche. Nach diversen Reality-Shows im TV, in denen sich extrovertierte Exhibitionisten ein wenig Selbstdarstellung gönnten, ist dies leider eine fast schon logische Entwicklung.(ODI)

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