ADRIANNE LENKER – “abysskiss” – Ätzend, tiefschürfend, genial

Adrianne-Lenker
Foto: Shervin Lainez

Es ist ja immer so eine Sache, wenn Frontleute diverser Indie-Bands sich in ihrer Rolle nicht mehr ausgefüllt sehen und den Wunsch verspüren, eine Werkschau ihrer Soloergüsse der Öffentlichkeit preiszugeben. Nicht selten fehlt es bei diesen Werken an der nötigen Eigenständigkeit, die eine Abkopplung vom Hauptprojekt nachvollziehbar machen würde.

Eine löbliche Ausnahme stellt hierbei „abysskiss“ von Adrianne Lenker dar. Der Sängerin der New Yorker Band „Big Thief“ gelingt mit Ihrem Solo-Debüt ein wahres Glanzstück an Trauermusik.

Schon der Opener „Terminal Paradise“ erinnert mit einem zarten Fingerpicking-Intro an der Gitarre und der mäandernden, zeternden Stimme der Mittzwanzigerin an die große Simone White. Die beklemmende Atmosphäre und düstere Tiefe setzt sich über alle zehn Songs des Albums fort, eine kleine Ausnahme bilden hierbei vielleicht „Womb“, welches fast schon in einem Uptempo-Beat endet und „Out Of Your Mind“. Das Stück wird getragen von einer scheppernden Lo-Fi-Gitarre und einem äußerst grungesken Arrangement. Der, sagen wir mal, recht avantgardistische Gesang lässt auf die eventuelle Zuneigung Lenkers zu Bands wie „Hole“ oder „Sonic Youth“ schließen.

„Cradle“ setzt hernach wieder mit einer wunderschön gezupften, klassischen Gitarre ein und man mag tatsächlich Parallelen zum bayrischen Gitarrenkünstler Willy Astor und seiner mehrteiligen Albumauskopplung „The Sound Of Islands“ ziehen. „What Can You Say“ beweist eindrucksvoll, über welche Bandbreite hinweg Adrianne Lenker in der Lage ist, Lieder zu schreiben. Ein kleines Chanson Noir, welches in das stimmungsvolle Finale „Miles“ übergeht.

Am Ende bleibt die Erinnerung an ein tolles, nicht wirklich eingängiges Album. Reinhören ist hierbei Pflicht und macht das Werk zu einem wertigen Kontrastprogramm zu vielen der aktuellen Singer-Songwriter-Projekte.

Einzig die Abmischung der Produktion ist verbesserungswürdig. Ein paar Höhen auf dem Gitarren-Mix würden einen brillanteren Sound erzeugen und nicht den Eindruck eines Homerecordings hinterlassen. Dem gegenüber stehen wunderbar nachdenkliche Texte und eine musikalische Reife, wie sie heutzutage nur selten bei einem 27jährigen Menschen zu finden ist. Das Album erscheint am 05. Oktober. (ODI)

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