Der letzte Philosoph der Hip Hop-Szene? Casper veröffentlicht sein neues Album ‚Hinterland‘

München, 11.10.13.   Casper. Ist er nun in einen Topf zu schmeißen mit den Hipstern, die Kuschel-Hip Hop machen? Oder ist es ihm tatsächlich egal und macht er durchweg sein eigenes Ding?

Mit XOXO, seinem letzten Album, gelang ihm der endgültige Durchbruch, Fans und Medien waren geradezu besessen von diesem Rapper, der mit einer Musik daherkam, die man so länger nicht mehr gehört hatte. Bildhafte Texte, schöne Worte, intelligente Worte.

Und er war endlich mal wieder ein Rapper, der auch seine weiche Seite zeigte und in dessen Sprache Wörter wie „Digga“, „Bro, ey“ oder „Motherfucker“ nicht vorkommen. Casper legt Wert darauf, dass Inhalt in den Songs ist, dass sie nicht leer sind, sondern etwas aussagen.

Sein neues Album sagt auch etwas aus. Vielleicht auch über den Schaffensprozess des selbigen. Hinterland besingt elf beinahe melancholische Songs, die nicht so sehr durch ihre Titel als vielmehr durch ihren Sinn, der zwischen den Zeilen geschrieben steht, verzaubern. Wo bei XOXO das Augenmerk noch auf den Texten lag, tritt hier vor allem die Musik in den Vordergrund, welche durch ihre Vielfältigkeit und Abwechslung fasziniert. Es sind Songs, welche nicht bloß dahergesungen werden, sondern Tiefgang und Aussagekraft besitzen.

Es sind Genregrenzen, die da überschritten werden, es wird sich über jegliche Konvention hinweggesetzt und Casper macht mit Hinterland sein komplett eigenes Ding. Gerade dieses Hinterland, was er besingt, scheint bei ihm ein sehr ambivalentes Gefühl hervorzurufen. Es ist fast, als ob Casper diesem Hinterland entfliehen möchte und es dennoch als Zufluchtsort sieht.

Ist es nun Hip Hop oder vielleicht doch eher eine Platte, welche sich für die ruhigen, leisen Momente eignet? Casper hat die Begabung, auf hip hop-untaugliche Beats zu rappen. Es sind unzählig viele Elemente, die er in seiner Musik vereint und vielleicht ist das genau der Grund, weshalb er einen solchen Erfolg hat. Er legt sich mit keinem seiner Songs fest, will sich nicht in ein einziges Genre drängen lassen.

Sind es die Momente, die hier gelebt werden? Das Gesamte? Es ist durchaus ein sehr bejahendes Album, was in den Texten besungen wird. Doch auch die nachdenkliche Seite wird hier nicht vergessen; man hat beinahe das Gefühl, in einen Strudel von gespaltenen Erinnerungen und Emotionen hineingerissen zu werden. Wo „Im Ascheregen“ noch das Tanzen in selbigem besungen wird, tritt bei „Hinterland“ gerade diese Zerrissenheit an Gefühlen auf.  In „20 qm“ zeigt Casper das, was er eigentlich ist: Ein Rapper, der rappen kann. Ein Rapper, der weiß, wo seine Wurzeln liegen, ohne diese ständig besingen zu müssen. Er ist kein „Bling, Bling-Hip Hopper“, der sich mit Dollarzeichen-Goldkettchen und goldenen Ringen schmückt. Das wird in „Lux Lisbon“, ein Track mit Tom Smith, deutlich. Raue Stimme, beinahe resigniert, melancholisch, ein Du befragend, dessen Attitüden er selbst verabscheut.

Rockige Beats vereinen sich hier mit den gerappten Zeilen und den zuweilen anklagenden, philosophischen Texten. Casper macht sich mit Hinterland nichts vor – es ist ein Album, das ambivalent ist und genau dieses Gefühl schleicht sich beim Hören auch ein. Man weiß nicht genau, wie man die Songs zu nehmen hat, was genau Casper mit diesen Crossovers bezwecken will. Vielleicht ist die Antwort „Gar nichts“, denn er macht einfach. Schnörkellos, individuell und authentisch. Gemacht für Live-Auftritte, aber auch die ganz stillen Momente, in denen man der Musik lauscht und auf „Repeat“ drückt, um den Text nochmal zu hören, die Melodien aufzunehmen und das Hinterland zu betreten.

„Man sagt, am Ende wird alles gut. Und ist es nicht gut, ist es verdammt nochmal nicht das Ende, nein!“ Diese Zeilen rappt Casper in „Ariel“. Doch wir finden dieses Album am Ende gut. Und hoffen doch, dass es nicht das Ende ist. Deine Zeit scheint gekommen, nachdem man dich nun kennen gelernt hat, Benjamin.(A.E.)